Lodz bewirbt sich um die Expo 2022

Wissenschafts- und Technikzentrum öffnet in ehemaligem E-Werk

Lodz Fabryczny, Polens schönster Bahnhof, Foto: ?ukasz Rymaszewski, CC BY-SA 4.0

Lodz-Fabryczna, Polens schönster Bahnhof, Foto: Lukasz Rymaszewski, CC BY-SA 4.0

Lodz (Lodsch), die zentralpolnische Metropole will Gastgeber der Weltausstellung Expo International im Jahr 2022 zu werden. Nachdem Rio de Janeiro seine Bewerbung kürzlich zurückgezogen hat, bleiben nur noch die argentinische Hauptstadt Buenos Aires und die US-amerikanische Großstadt Minneapolis im Rennen.  Die Chancen stehen also gar nicht so schlecht. Auf der sogenannten „kleinen Expo“ wird in diesem Jahr der Schwerpunkt auf der umfassenden Revitalisierung städtischer Gebiete liegen.

Nachdem sich Lodz offiziell für die Ausrichtung der EXPO 2022 beworben hat, ist es nun an der Zeit sowohl die Entscheidungsträger als auch die mediale Öffentlichkeit von der Attraktivität der Stadt zu überzeugen. Auch die Bürger müssen gewonnen und bei der Stange gehalten werden. Das Leitthema für die Bewerbung und später die Weltausstellung ist die Revitalisierung urbaner Gebiete. Das nämlich sehen Bürger und Verwaltung als die große Stärke der Stadt an: den Wandel von der grauen etwas Industriestadt mit dem morbiden Charme einer großen Vergangenheit hin zu neuem Glanz in der Stadt, der Polens Literaturnobelpreisträger Wlasdyslaw Reymont mit seinem Roman Ziemia Obiecana (Das gelobte Land) ein literarisches Denkmal setzte. Das auch erfolgreich verfilmte großartige Portrait thematisiert auch die Multikulturalität der aufblühenden Industriemetropole.

Das heutige Lodz ist längst mehr als nur eine graue Maus mit der legendären Filmhochschule und dem Zentrum polnischer Filmkunst. Die drittgrößte polnische Stadt hatte ihre wirtschaftliche und kulturelle Blüte im 19. Jahrhundert, als die Stadt zum „Manchester des Ostens“ wurde, da die Textilindustrie hier an der Pforte zum riesigen russischen Markt lag. So gab es zum Anfang des 20. Jahrhunderts in Lodz über 550 Fabriken, in denen fast 70.000 Menschen beschäftigt waren. Nur wenig später durch den 1. Weltkrieg und die russische Revolution kamen Wohlstand und Märkte in einen Abwärtsstrudel. Die deutsche Besetzung und die Auslöschung des jüdischen Bevölkerungsteils durch den Holocaust im Zweiten Weltkrieg sowie wenig später die Ausweisung der Deutschen führten zum Ende des Textilstandorts Lodz, die Prachtvillen und grandiosen Fabrikgebäude standen leer und verfielen, es gab niemanden, der in Lodz investierte.

Vor wenigen Jahren begann die Stadt sich aus der Agonie zu erheben, sich alter Tugenden zu besinnen. Man ging daran, den Verfall zu stoppen und Erhaltenswertes zu sanieren. Ein Gebäude nach dem anderen wurde in Stand gesetzt und konnte revitalisiert werden. Doch bedeutet Revitalisierung eben mehr als nur die Reminiszenz an alte glorreiche Zeiten, sondern auch die Belebung der sanierten Industriebauten. Längst haben Kulturschaffende aller Art und Kreative aller Branchen tatsächlich die alten Bauten zu neuem, zeitgemäßen urbanen Leben erweckt. Es entstand ein lebendiger Mix aus Kultur inklusive neuer Museen, modernem Design, vielen Kreativen, großzügigem Wohnraum und Einkaufszentren.

Lodz ist also ein sehr gutes Beispiel für die Umgestaltung einer Industriestadt. So entstand auf dem Gelände der einst größten Textilfabrik von Izrael Poznanski das mehrfach ausgezeichnete Kultur-, Freizeit- und Einkaufszentrum „manufaktura“ als lebendiger Mittelpunkt der Stadt. Erst im vergangenen Dezember wurde mit der Wiedereröffnung des komplett umgestalteten Bahnhofs Lodz-Fabryczna dem neuen Stadtbild ein weiterer Baustein hinzugefügt.

Auf dem Gelände des 1906 errichteten ersten E-Werks entsteht Schritt für Schritt als weiterer Leuchtturm der Stadt das neue Kultur-, Wissenschafts- und Veranstaltungszentrum EC 1. Bereits Anfang 2016 hat dort das Nationale Zentrum der Filmkultur seine Arbeit aufgenommen, fast zeitgleich öffnete eines der modernsten Planetarien in Europa seine Pforten. Es zog im ersten Jahr bereits 100.000 Besucher an. Im Entstehen befindet sich derzeit ein neues Wissenschafts- und Technikzentrum, in das Teile der technischen Ausstattung des früheren E-Werks einbezogen werden. Die Eröffnung ist für die zweite Hälfte des Jahres 2017 vorgesehen. Insgesamt werden in das Prestigeprojekt EC 1 rund 75 Millionen Euro investiert. Auf dem Gelände sollen auch große Teile der Expo stattfinden.

Bei der Bewerbung für die Expo International setzt Lodz auch auf seine günstige Lage im Zentrum Europas. So gebe es im Umkreis von rund 500 Kilometern insgesamt neun Metropolen wie Warschau, Prag, Berlin oder Wien, für Stadterneuerung ebenfalls ein großes Thema sei.

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Brigitte Jäger-Dabek kennt Polen seit vielen Jahren und ist als freie Journalistin Polen-Expertin. Sie ist Autorin des preisgekrönten Buchs "Länderporträt Polen".