Smolensk: Der Absturz der Präsidentenmaschine darf kein Unfall sein

Flugzeugabsturz bei Smolensk 2010, Foto: Commons:OTRS, CC BY-SA 2.5

Flugzeugabsturz bei Smolensk 2010, Foto: Commons:OTRS, CC BY-SA 2.5

Gestern jährte sich der Absturz der polnischen Präsidentenmaschine in Smolensk zum sechsten Mal. Mit dem Präsidentenpaar starben damals 94 weiter Angehörige der polnischen Elite. Die polnische Delegation war auf dem Weg zu einer Gedenkfeier in Katyn, wo sich das Massaker am 13. April zum 70. Mal jährte. Dort und in den Wäldern der Umgebung hatten sowjetische NKWD-Truppen im Jahr 1940 mindestens 22.000 gefangene Polen ermordet. Unter ihnen befanden sich große Teile des Offizierskorps, der Führungselite und der Intelligenz Polens.

Den abschließenden Untersuchungsbericht der Flugzeugkatastrophe des Zwischenstaatlichen Luftfahrtkomitees MAK von 2011 hatten Kaczynski und die Anhänger einer Verschwörungstheorie nie akzeptiert. Der Bericht nannte als unmittelbare Absturzursache das Verhalten der Crew, die trotz des starken Nebels die Landung wagte, obwohl Ausweichflugplätze erreichbar waren. Außerdem wurde die Organisation des Flugbetriebs und der Crew-Flugvorbereitung auf polnischer Seite als mitverursachend genannt. Auch den Fluglotsen auf russischer Seite wurden Fehler angelastet. Zu einem ähnlichen Urteil war die polnische Staatsanwaltschaft gekommen. Wie groß der Druck auf die aus Luftwaffenangehörigen bestehende Crew auch gewesen sein mag, sie hätte die Landung nicht wagen dürfen. Zu diesem Schluss kamen bisher alle Experten.

Von der Verschwörungstheorie getrieben

Der gestrige Tag, der für viele Polen ein Anlass des Gedenkens war, diente seitens der PiS-Regierung der Umdeutungskampagne, denn dieser schreckliche Unfall darf kein Unfall sein und schon gar nicht mit irgendwelchem schuldhaften Verhalten polnischer Piloten, Organisatoren oder Luftwaffenoffiziere in Zusammenhang gebracht werden.

Diese Verschwörungstheorie passt so gut zum Geschichtsbild der Opfernation Polen, vom „Christus unter den Völkern“. Leute wie Kaczynski denken und handeln aus diesem Geschichtsbild heraus, sind also geschichtsorientiert und nicht etwa Gegenwart und Zukunft zugewandt. Gerade die Nähe zu dem Verbrechen von Katyn, das ob der Jahrzehnte währenden, sich um die Verbrechen rankenden Geschichtsfälschungen wie kein Geschichtsereignis Polens Nachkriegssicht auf Russland prägte, machte Katyn zu einem Symbol sowjetischer Verbrechen an Polen sowie des Opfermythos und aller Ängste vor dem übergroßen Nachbarn Russland.

Eine internationale Verschwörung muss deshalb zwingend die Absturzursache gewesen sein. Die Toten – wie die Totek von Kaytn die Elite Polens – dürfen nicht länger Opfer eines verheerenden Unglücks sein, sondern müssen gefallene Helden sein, allen voran das polnische Päsidentenpaar Kaczynski. So jedenfalls will es Jaroslaw Kaczynski, Zwillingsbruder des verunglückten Präsidenten Lech Kaczynski, PiS-Parteivorsitzender und graue Eminenz der polnischen Politik.

Für den Betrachter mit dem äußeren Blick auf Polen wirkt das Ganze eher absurd und zudem völlig unlogisch. Der damalige Präsident Polens, der nur wenig größere Einflussmöglichkeiten auf die Tagespolitik hat als unser Bundespräsident, wäre allen damaligen Voraussagen entsprechend bei der wenige Monate nach seinem Tod stattfindenden Neuwahl nicht wiedergewählt worden. Im Flugzeug saßen zudem keinesfalls nur PiS-Anhänger sondern eher ein Querschnitt durch Polens Führungsschicht mit etlichen hochrangigen Mitgliedern der damals regierenden Bürgerplattform PO von Ministerpräsident Tusk.

Aktive Umdeutung und Mythisierung des Absturzes

Doch die PiS-Regierung ist sehr aktiv in Sachen Smolensk. Eine Flut von neuen Gedenkstätten wird sich über das Land ergießen, die was die Zahlen betrifft, sogar in Konkurrenz zu den zahlreichen Denkmälern für den polnischen Papst Johannes Paul II. treten wird. Gewünschte Aufschrift für alle Gedenktafeln ist: „Den für das Vaterland gefallenen Helden“. Doch dabei bleibt es nicht.

Als kulturelle Glanzleistung und endlich die Wahrheit erzählender Spielfilm (!) kommt demnächst ein Spielfilm des 76-jährigen polnischen Regisseurs Antoni Krauze in die Kinos- Es wird bereits jetzt überlegt, den Kinobesuch für polnische Schulklassen zur Pflicht zu machen. Der Film wird bereits heute in einschlägigen rechten Medien und auf PiS-nahen Internetportalen wie wPolitice und wSieci in den höchsten Tönen gelobt – schließlich passt er ins PiS-Klima und stützt die Attentatstheorie. Spätestens hiermit soll dann auch Lech Kaczynski Lech Walesa als Präsident Polens und Solidarnosc-Ikone ersetzen.

Der polnische Generalstaatsanwalt und Justizminister Zbigniew Ziobro hat zudem inzwischen eine neue Kommission von Staatsanwälten berufen, welche die Absturzursache nun klären soll und von Ziobros Stellvertreter Marek Pasionek geleitet wird.

Schon kurz nach dem Wahlsieg der Nationalkonservativen in Polen wurde bereits ein neuer Untersuchungsausschuss gebildet, der den Absturz untersuchen soll. PiS-Parteichef Jaroslaw Kaczynski, der Zwillingsbruder des toten Präsidenten, akzeptiert wie viele seiner Anhänger die Unglückstheorie nicht. Er glaubt unerschütterlich an einen Anschlag.

Was besonders erschreckt bei diesen Versuchen der Umgestaltung unseres Nachbarlands ist die Wortwahl – auch des geschriebenen Worts – und das veränderte Sprachniveau. Hier scheinen alle Hemmungen gefallen zu sein. Ob in den einschlägigen PiS-nahen Medien, auf der Straße oder im Internet: Immer hasserfüllter wird der politische Gegner niedergemacht und diffamiert. Doch was will man erwarten, wenn selbst Spitzenpolitiker es vormachen. Antoni Macierewicz sprach im Zusammenhang mit dem Unglück von Smolensk von “Terrorakt Russlands“ ohne irgendeinen Beleg. „Tusk, Du Mörder“ oder „Todesstrafe für Tusk“ lauten die neuesten Parolen. Donald Tusk, den 2010 regierenden Ministerpräsidenten Polens und heutigen EU-Ratspräsidenten nämlich sieht Jaroslaw Kaczynski als Haupttäter und Einfädler des internationalen Komplotts. Verteidigungsminister Antoni Macierewicz bekräftigte im von der PiS kontrollierten öffentlich-rechtlichen Fernsehsender TVP Info seine Vorwürfe an die damalige Regierung Tusk: Donald Tusk und Außenminister Radoslaw Sikorski hätten nicht genug unternommen, die sofortige Herausgabe des Wracks der Tupolew TU-154 aus Russland zu erzwingen. Auch seien bei der Untersuchung der Unglücksursache Dokumente nicht berücksichtigt worden, erläuterte Macierewicz seinen Standpunkt.

Für Macierewicz war der Absturz von Smolensk der Preis für dein Forderung zahlen musste, das Massaker von Katyn fortan als Völkermord einzustufen.

 

Weitere Artikel der Serie

Über Brigitte Jaeger-Dabek 1448 Artikel
Brigitte Jäger-Dabek kennt Polen seit vielen Jahren und ist als freie Journalistin Polen-Expertin. Sie ist Autorin des preisgekrönten Buchs "Länderporträt Polen".