Auf der Route der Technikdenkmäler durch Oberschlesien

Zechen und Eisenhütten prägten lange Zeit das Oberschlesische Industriegebiet im Süden Polens. Heute bilden moderne Unternehmen und Dienstleistungsbetriebe das wirtschaftliche Rückgrat der Region, doch die steinernen und stählernen Erinnerungen an die Vergangenheit sind noch überall sichtbar. In der Woiwodschaft ?l?sk (Schlesien) werden immer mehr dieser industriegeschichtlichen Zeugnisse für Touristen zugänglich gemacht.

Die Stadt Zabrze war früher ein Zentrum des Bergbaus, heute ist es eines der Zentren für Bergbau-Interessierte. Erst Anfang Dezember 2008 wurde dort ein weiterer Abschnitt  der denkmalgeschützten Bergwerksanlage „Guido“ für den Publikumsverkehr geöffnet. Ein rund 1,4 km langer Teilabschnitt führt die Besucher des 1855 gegründeten Steinkohlebergwerks in den Arbeitsalltag unter Tage ein. Der restliche Teil der mehr als 2 km langen Sohle soll bis Mitte 2009 freigegeben werden. Die Ausstellung in 320 m Tiefe illustriert die Entwicklung des Bergbauwesens seit dem 19. Jahrhundert. Besucher können einen 800 Tonnen schweren Kohlesammelbehälter sowie die Sohlebahn besichtigen und dürfen am Ende ein eigenhändig geschlagenes Stück Kohle mit nach Hause nehmen. In einem repräsentativ ausgestatteten Saal unter der Erde werden Bankette, Konzerte und andere Veranstaltungen für Gruppen organisiert werden.

Die 1791 gegründete Zeche „Königin Luise“ in Zabrze wird ebenfalls touristisch genutzt. Über Tage kann man eine noch funktionstüchtige Dampfaufzugsmaschine besichtigen. Auf einem 1,5 km langen Touristenpfad können Besucher unter Tage Schrämlader, Vortriebsmaschinen und Kohlehobel in Betrieb sehen. Am Ende der Tour erwarten die Besucher schlesische Gerichte  im unterirdischen Restaurant Guibald. Zu den Attraktionen in Zabrze gehört das dortige Kohlebergbaumuseum, das sich im 1875 gebauten ehemaligen Landratsamt befindet. Es verfügt über umfangreiche Sammlungen aus der Bergbaugeschichte und -kultur. Ausgestellt sind technische Geräte, aber auch zahlreiche Bergmannsuniformen und -insignien. An vergangene Zeiten erinnern auch traditionelle Arbeitersiedlungen wie die 1868 begonnene Siedlung Borsig im heutigen Stadtteil Biskupice oder das Anfang des 20. Jahrhunderts für Bergarbeiter gebaute Viertel Stara Rokitnica.

Zwei traditionelle Bergarbeitersiedlungen sind auch im benachbarten Katowice (Kattowitz) zu finden. Giszowiec und Nikiszowiec entstanden Anfang des 20. Jahrhunderts als Gartenstädte für die Beschäftigten der Zeche Giesche. Architekten der für die damalige Zeit sehr fortschrittlichen Anlagen waren die Berliner Brüder Georg und Emil Zillmann. Während das im Stil einer englischen Gartenstadt gebaute Giszowiec Anfang der 1960er Jahre teilweise modernen Hochhäusern weichen musste, blieb das benachbarte Nikiszowiec in seiner Struktur bis heute erhalten. Das Viertel besteht aus neun geschlossenen Wohnblocks mit zweigeschossigen Backsteinbauten. In der Nähe entstand vor kurzem eine Galerie für moderne Kunst im ehemaligen Zechenhaus des Schachts Wilson, das ebenfalls nach Entwürfen der Gebrüder Zillmann entstanden war.

Ein weiteres bedeutendes Bergwerksmuseum befindet sich in Tarnowskie Góry (Tarnowitz) im nördlichen Teil des oberschlesischen Reviers. Bis ins 15. Jahrhundert reicht die Geschichte der dortigen Silbermine zurück. 40 Meter unter der Erde entstand eine 1.700 Meter lange Touristenroute. Die letzten 300 Meter legen die Besucher in Booten zurück. Etwa vier Kilometer entfernt befindet sich der Stollen der Schwarzen Forelle. Er ist Teil eines unterirdischen Entwässerungssystems aus dem 19. Jahrhundert, das dazu diente, die Kellergewölbe der Stadt trocken zu halten. Auf 600 m Länge kann man dort die längste unterirdische Bootsfahrt in Polen erleben.

In Gliwice (Gleiwitz) wurde 1796 ein Stück europäischer Industriegeschichte geschrieben. Damals wurde dort der erste mit Koks befeuerte Hochofen auf dem Kontinent in Betrieb genommen. Die Gleiwitzer Hütte gehörte später zu den bedeutendsten Kunstgießereien. Bedeutende Bildhauer wie Gottfried Schadow und Christian Daniel Rauch ließen dort im 19. Jahrhundert ihre Denkmale gießen. Während die Hochöfen schon lange abgerissen sind, ist die Gießerei noch heute in Betrieb. In einem Museum der Kunstgießerei werden einige der wichtigsten Arbeiten aus Gleiwitz gezeigt.

Größte touristische Attraktion der Stadt ist der hölzerne Sendemast, der mit 110 Metern als die höchste Holzkonstruktion der Welt gilt. Mehr als 16.000 Messingschrauben halten den 1935 in Betrieb genommenen Sendemast zusammen. Traurige Berühmtheit erlangte der Sender Gleiwitz am 31. August 1939. Der fingierte Angriff von sieben als Polen verkleideten SS-Männern lieferte Hitler den Vorwand für den Angriff auf Polen. Seit 2003 gibt es vor Ort eine Ausstellung zur Geschichte des Senders und zur Entwicklung der Rundfunktechnik.

Die Route der technischen Denkmäler in der Woiwodschaft ?l?sk umfasst insgesamt 31 Stationen. Das Brotmuseum in Radzionków (Radzionkau) und das Feuerwehrmuseum in Mys?owice (Myslowitz) gehören ebenso dazu wie der historische Bahnhof in Bielsko-Bia?a (Bielitz-Biala) und die in Bytom (Beuthen) beginnende Oberschlesische Eisenbahn. Besichtigen kann man auch die 1882 gegründete Zündholzfabrik in Cz?stochowa (Tschenstochau). Die in den 1930er Jahren eingerichtete Fertigungsstraße ist bis heute in Betrieb.

Einzigartig in Europa dürfte es sein, dass es in Schlesien zwei bedeutende Biermuseen in unmittelbarer Nachbarschaft gibt. Sie gehören zu den beiden polnischen Markführern, den Brauereien Tyskie und ?ywiec. Das Museum in Tychy (Tichau) zeigt Ausstellungsstücke aus der 380-jährigen Geschichte der Tyskie-Brauerei in einem denkmalgeschützten Bau aus dem Jahre 1902. Man kann dort auch die modernen Brauanlagen besichtigen; im Sommer gibt es Nachtführungen durch das Museum.

In ?ywiec (Saynbusch) entstand vor knapp zwei Jahren ein neues Museum, das bisher bereits 200.000 Besucher zählte. Anders als in traditionellen Museen werden Besucher ausdrücklich dazu animiert, die Exponate anzufassen, zu fotografieren und Fragen zu stellen. Eine Zeitmaschine versetzt sie in die Gründungszeit der Brauerei, wo der kurzweilige Gang durch die 150-jährige Geschichte beginnt. Zur Entspannung besteht unterwegs die Möglichkeit für ein kleines Bowlingturnier. Am Ende lockt wie bei  Tyskie ein frisch gezapftes Bier.

Infos: Zentrum Oberschlesiens ist die Stadt Katowice (Kattowitz). Der dortige Flughafen ist von zahlreichen deutschen Städten direkt erreichbar. Eine deutschsprachige Übersicht über die technischen Denkmäler der Region mit allen Anschriften und Öffnungszeiten und einer Landkarte ist erhältlich beim Polnischen Fremdenverkehrsamt, Kurfürstendamm 71, 10709 Berlin, Tel. 030-21 00 92 0, www.polen.travel  Weitere Infos auch auf der Website www.gosilesia.pl

Quelle: Polnisches Fremdenverkehrsamt Berlin


Über Brigitte Jaeger-Dabek 1468 Artikel
Brigitte Jäger-Dabek kennt Polen seit vielen Jahren und ist als freie Journalistin Polen-Expertin. Sie ist Autorin des preisgekrönten Buchs "Länderporträt Polen".