Buch des Monats Juni 2010

Buch des Monats Juni 2010

Buch des Monats,

Der Publizist Reinhold Vetter hat kürzlich die erste wissenschaftlich fundierte deutschsprachige Biografie des polnischen Arbeiterführers Lech Walesa vorgelegt. „Polens eigensinniger Held – Wie Lech Walesa die Kommunisten überlistete“ zeigt Walesas Kampf gegen das kommunistische System der Volksrepublik und seine spätere politische Karriere und lässt den Leser auch den Menschen Lech Walesa näher kennenlernen.

Das hört sich nun recht akademisch trocken an, genau das aber ist dieses Buch keineswegs, denn der Autor ist mit dem ausgestattet, was man eine flüssige, den Leser mitnehmende Schreibe nennt. So ist die Lektüre dieses Buches auch für Nicht-Wissenschaftler ein Gewinn.

Vetters Buch bringt klar strukturiert und gut lesbar eine Menge Material aus der Zeitgeschichte an den Leser, der schnell auch die Eingebundenheit polnischer Politik und der Solidarnosc in das Gesamtgeschehen des Ost-Westkonflikts und das Ende des Eisernen Vorhangs erkennt und begreift, wie sehr die Solidarnosc mit ihrem Anführer Lech Walesa treibende Kraft des Untergangs des maroden Systems war. Viele Informationen bringt der Autor auch zum Bereich der Transformation ausgehend vom Runden Tisch bis zur Gegenwart, nicht nur exemplarisch am Lebenslauf Walesas aufgezeigt, sondern in detaillierter Darstellung der Zusammenhänge.

Der 1946 geborene Reinhold Vetter war viele Jahre lang Polen-Korrespondent und kennt das Land seit Jahrzehnten. Lech Walesa kennt er seit dieser die große Bühne betrat und zum Held des polnischen Sommers 1980 auf der Danziger Leninwerft wurde, als dort der Streik zur Gründung der ersten freien Ostblock-Gewerkschaft Solidarnosc führte – Vetter war dabei. Mit der „Matka Boska“, der Mutter Gottes am Revers, machte sich ein kleiner, schnauzbärtiger Danziger Elektriker daran, das politische System seines Landes zu stürzen.

Mit dem Abstand von 30 Jahren steht fest, dass der Sommer 1980 in Polen der Anfang vom Ende des Ostblocks war. Kein Wunder, dass diese Zeit des Danziger Streiks die wichtigste Zeit im Leben des Lech Walesa wurde. Klar wird bei Vetter auch, dass es nicht das Charisma Walesas allein war, das zum Auseinanderbröseln des politischen Systems führte. Zweites Erfolgsmoment war der Taktikwechsel, das „Weg von der Straße“, bei dem die Streikenden sich in der Werft verschanzten und sich der staatlichen Gewalt entzogen. Genauso wichtig war die dritte Neuerung gegenüber den Streikwellen 1956 und 1970, bei denen zahlreiche Streikende zu Tode gekommen waren: Die Zusammenarbeit von Arbeitern, der Bewegung aus der katholischen Kirche und Intellektuellen wie Jacek Kuron, Adam Michnik, Tadeusz Mazowiecki oder den Kaczynskis.

Dabei zeigt Reinhold Vetter einen Lech Walesa, der fern aller idealisierten Träumereien des polnischen Messianismus und Opfermythoses von großem Realitätssinn geprägt war mit einem feienen Gefühl für sinnvolle und vertretbare Kompromisse. Lech Walesa war kein Ideologe sondern Pragmatiker. Spannend schildert Vetter, wie Walesa oft unkonventionell handelte und dachte, dabei stets zu einer feinen List fähig. Auch die umstrittene Präsidentschaft Walesas schildert Vetter anschaulich und doch präzise in ihren Hochs und Tiefs in der Zeit, als Lech Walesa der politische Instinkt abhanden kam.

Vetters Biografie macht Lech Walesa nicht zum Helden ohne Fehl und Tadel. Im Gegenteil, der Leser lernt dessen egozentrische Seiten kennen und wird auch mit den jüngsten Vorwürfen gegen Walesa konfrontiert. Vor allem die Brüder Kaczynski versuchten Walesa als langjährigen, aktiven, Bolek genannten Agenten des kommunistischen Geheimdienstes SB darzustellen.

Reinhold Vetter ist eine im deutschsprachigen Raum bisher nicht da gewesene komplette Biografie des polnischen Ex-Präsidenten gelungen. Der Leser lernt bisher wenig bekannte Seiten Walesas kennen, einen Menschen, der das polnische „nie damy sie“, wir lassen uns nicht unterkriegen, verinnerlicht hatte und weiter für Gerechtigkeit und Freiheit in seinem Land kämpfte. Dabei war sein Handeln im Gegensatz etwa zu den Brüdern Kaczynski stets der Zukunft zugewandt.

„Polens eigensinniger Held. Wie Lech Walesa die Kommunisten überlistete“ von Reinhold Vetter ist daher Buch des Monats Juni 2010 bei „Das Polen Magazin“.

Über Brigitte Jaeger-Dabek 1465 Artikel
Brigitte Jäger-Dabek kennt Polen seit vielen Jahren und ist als freie Journalistin Polen-Expertin. Sie ist Autorin des preisgekrönten Buchs "Länderporträt Polen".