EURO 2012: Polen ein Jahr vor dem Anpfiff

EURO 2012Die Euphorie und der große Schwung von 2007, als Polen und die Ukraine zu Ausrichtern der Fußball-EM 2012 wurden, haben sich in den Alltagsproblemen aufgerieben. Ellenlang ist die Auflistung der nicht fertigen Stadien, Straßen, Flughäfen und Bahnhöfe, die vom Wochenblatt Polityka veröffentlicht wurde.

Was die Infrastruktur betrifft, waren die Pläne besonders ehrgeizig. Im Zeitsoll liegen nur die Flughäfen. Der Straßenbau – das ehrgeizige Versprechen lautete auf komplette Autobahnen zwischen Ost und West sowie Nord und Süd –  hinkt gewaltig hinter den Zeitvorgaben her. Problematisch ist der Ausbau der E 7 zwischen Danzig und Warschau zur Schnellstraße. Wenn man sich den derzeitigen Bauzustand ansieht, kann man sich vor allem im Bereich Ostroda-Elblag-Gdansk nicht vorstellen, dass die Straße in einem Jahr fertig ist, noch ist man großenteils mit den Erdarbeiten und der Aufschüttung der Dämme beschäftigt. Die Bauarbeiten führen zum Dauer-Verkehrsinfarkt, von Ostroda nach Danzig fährt man heute nicht selten vier Stunden – doppelt so lange, wie normal. Die Nord-Süd-Magistrale wird bis zur EM die ukrainische Grenze nicht erreicht haben, dabei sollte hier das Gros der Fans den ukrainischen Spielort Lviv(Lwow/Lemberg) erreichen.

Mit der Bahn von Warschau nach Danzig zu fahren, ist auch keine bessere Idee, den die Zuglinien werden auch nicht rechtzeitig saniert werden, die Modernisierung einiger Bahnhöfe wohl auch nicht. Man wird damit leben müssen, zwischen Warschau und Danzig sechs oder sieben Stunden unterwegs zu sein, viel länger, wie vor dem Zweiten Weltkrieg.

Auch die Warschauer werden die erhoffte zweite U-Bahn-Linie nicht bekommen, und die innerstädtische Verbindung über die Weichsel zwischen den westlichen und östlichen Stadtteilen  wird aus Kostengründen erst im Jahr nach der EM gebaut.

Doch nicht nur die Nord-Süd-Verbindung wackelt, selbst der Weg nach Warschau auf der West-Ost-Magistrale A 2 wird wohl ein Hindernisrennen bleiben. Hinter Lodz ist erst einmal Feierabend und das buchstäblich. Fünfzig Kilometer fehlen ganz, denn die chinesische Baufirma hat resigniert und den Auftrag kurzerhand zurückgegeben. Zwar ist nun eine Vertragsstrafe von umgerechnet rund 200 Millionen Euro fällig, doch woher die kommen sollen, steht noch völlig im Raum. Alles läuft auf einen Rechtsstreit hinaus und eine neue Ausschreibung – in Polen wird das Verfahren przetarg genannt – kann rein zeitlich nichts mehr bringen.

Den touristischen Aspekt der EM immerhin sieht man gänzlich entspannt, denn hier sind Hunderte Hotels aller Kategorien wie Pilze aus dem Boden geschossen und die von der UEFA geforderten Übernachtungskapazitäten sind bereits jetzt deutlich überschritten. Jan Wawrzyniak, der Chef des Polnischen Fremdenverkehrsamtes in Deutschland erwartet bis zu einer Million ausländischer Fans in Polen, die dann in rund 2.100 Hotels in Polen wohnen werden, das sind 40 Prozent mehr Hotels als im Jahre 2006.

Polens oberste Kontrollkammer NIK kritisiert den Stand der Vorbereitungen und das Vorgehen der Gesellschaft PL 2012, die für die Vorbereitung der EM zuständig ist. Moniert werden im jüngsten Bericht vor allem der problematische Fantransport auf Polens unfertigen Straßen und die Sicherheitsmängel in den Stadien.

Außer in Poznan ist keines der neuen oder im Umbau befindlichen Stadien fertig, am weitesten ist man derzeit in Danzig. Ziel der polnischen Anstrengungen sollte eine der modernsten Sport-Infrastrukturen Europas werden. So rüstete man das neue Stadion Narodowe (Nationalstadion) mit modernster Technik für die Sicherheitsbehörden und für Hunderte Journalisten sowie viel Komfort für die 58.000 Zuschauer aus. Doch das Schmuckstück zeigt Mängel. Ende Mai zog ein schweres Unwetter über die polnische Hauptstadt und offenbarte ein undichtes Dach. Dazu kommen noch schwere Sicherheitsmängel bei den Fluchttreppen, was zu einem zerrütteten Verhältnis zwischen den beteiligten Baufirmen und dem Düsseldorfer Planungsbüro führte. Das Ganze wirft die Eröffnungsplanungen wohl um ein halbes Jahr zurück, Zeit für die geplanten Probeläufe mit Großveranstaltungen bleibt dann wahrscheinlich nicht mehr. Ministerpräsident Donald Tusk nahm sich der Sache selbst an und überzeugte sich vom Fortgang der Bauarbeiten. Das für den 6. September geplante Länderspiel Polen-Deutschland wird wohl nach Danzig verlegt. Der ihm genannte Fertigstellungstermin 30. November sei jedenfalls glaubwürdig, beruhigte er die Gemüter. Weder die UEFA, noch der polnische Fußballverband oder die polnische Regierung sehen die EM-Ausrichtung gefährdet.

In den polnischen Medien wie der Polityka  bestätigt man, dass einige Infrastrukturmaßnahmen wohl nicht rechtzeitig fertig werden, die Autobahnen wohl erst ein Jahr nach der EM volendet sein würden, doch sieht man viel Positives in der EM-Ausrichtung: Ohne die EM hätte man diese Investitionen wohl erst in fünf oder acht Jahren begonnen, moderne Fußballstadien hätte man wenn überhaupt, vielleicht in zehn Jahre geplant und so seien die mit einem Volumen von rund 22,5 Milliarden Euro immens kostenintensiven Vorbereitungen absolut positiv für das Land, den sie würden Polen einen Quantensprung ermöglichen.

Allerdings wird auch nach der EM eine ziemlich Kostenlast auf die Kassen der Spielorte drücken, denn in Polen ist Fußball zwar auch Volkssport, doch mit wesentlich geringeren Zuschauerzahlen als in Deutschland. Ein Stadion mit 58.000 Zuschauerplätzen kann nicht einmal Platzhirsch Legia Warschau annähernd füllen. Die Unterhaltung der Stadien wird also ein Zuschussgeschäft bleiben.

Gewaltige, oft aus öffentlichen Mitteln bezuschusste Projekte Im Touristik- oder Sportbereich werden künftig nicht nur die Kommunen der Spielorte drücken. Viele andere Orte haben Sportanlagen finanziert und Hotelansiedlungen gefördert.

Stadion OstrodaZum Beispiel Ostroda, eine 36.000-Einwohnerstadt in Westmasuren in traumhafter Lage am Drewenzsee, 140 Kilometer von Danzig entfernt: Zwei nagelneue Viersternehotels, zwei Appartmenthäuser gleichen Standards sind bereits in Betrieb gegangen, ein altes Hotel wird abgerissen und durch ein neues ersetzt. Wie man aus Stadtratskreisen hört, soll es sich um ein Hilton-Hotel handeln. Ein 5000-Zuschauer-Stadion mit modernster Flutlichtanlage steht vor der Vollendung. Man hofft noch, für eine Nationalmannschaft Trainingsquartier sein zu können. Das allerdings bezweifeln viele Ratsmitglieder, denn dazu ist die Verkehrsanbindung ohne fertige Schnellstraße zu schlecht. Was man nach der EM mit dem Stadion anfangen wird, steht in den Sternen, denn der örtliche Fußballklub Sokol spielt in der fünften Liga vor allenfalls hundert Zuschauern.

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Brigitte Jäger-Dabek kennt Polen seit vielen Jahren und ist als freie Journalistin Polen-Expertin. Sie ist Autorin des preisgekrönten Buchs "Länderporträt Polen".