Kazimierz Dolny – Der Künstlerort

Blick auf Kazimierz Dolny vom Drei-Kreuze-Berg, Foto: Dariusz Cierpia?, CC-BY-SA-3.0-migrated

Blick auf Kazimierz Dolny vom Drei-Kreuze-Berg, Foto: Dariusz Cierpia?, CC-BY-SA-3.0-migrated

Es ist die malerische Lage am östlichen Weichselufer und das besondere Licht des Ostens, die vor allem im Sommer Maler, Bildhauer, Fotografen und Kunststudenten aller Richtungen nach Kazimierz Dolny zieht. Die klare Luft wird von keinerlei Abgaswolken getrübt, Industrie gibt es hier nicht. Das außergewöhnliche Spätrenaissance-Ambiente der Altstadt, die komplett als Geschichtsdenkmal geschützt ist, tut ein Übriges.

Die kleine Stadt in der Lubliner Hochebene ist nur vierzig Kilometer von Lublin entfernt, der einzigen polnischen Großstadt östlich der Weichsel. Die Stadt zieht sich den Hügel am Weichselufer hoch. Hoch droben thront malerisch die Schlossruine.

Stadtgeschichte von Kazimierz Dolny

Kazimierz Dolny ist eng mit der polnischen Geschichte verbunden, denn die Anfänge reichen bis in die Zeit der polnischen Staatsgründung im 11. Jahrhindert zurück. Schon damals befand sich auf einem der Hügel am Weichselufer die Siedlung Wietrzna Gora, die dem Benediktiner-Orden gehörte. Sie wurde 1181 von Herzog Kazimierz dem Gerechten an die Norbertanerinnen aus Krakauer-Zwierzyniec übereignet. Die Nonnen benannten den Ort zum Dank in Kazimierz um. Erstmals urkundlich erwähnt wurde Kazimierz im Jahr 1249.

Die Burg wurde in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts erbaut. Damals erhielt die Stadt auch zum ersten Mal die Stadtrechte. Ganz sicher ist es nicht aber vermutlich wurden sie vom polnischen König Kasimir dem Großen verliehen. Unter König Wladyslaw Jagiello erfolgte schon 1406 die Verleihung der Magdeburger Stadtrechte. Anfang des 15. Jahrhunderts wurde auch der Stadtgrundriss erstellt, der bis heute vor allem um den Markt herum sichtbar ist, dessen besonders Kennzeichen die dreiseitige Bebauung ist.

Zum Sitz einer Starostei wurde Kazimierz Dolny 1501. Zwischen 1519 bis 1644 war das Starostenamt erblich und in Händen der Familie Firlej. Kazimier Dolny blühte wirtschaftlich auf und wuchs zu einem wichtigen Getreidemschlagplatz an der Weichsel abwärts. Ab wann genau Kazimierz den Namen Kazimierz Dolny trug, ist nicht ganz klar. Es geschah aber wohl um Kazimierz Dolny von Krakaus jüdischer Vorstadt Kazimierz unterscheiden zu können. Die Franziskaner errichteten 1628 in Kazimierz Dolny ein Kloster. Doch der Niedergang der Stadt folgte 1656 ein, als schwedische Truppen die Stadt niederbrannten und plünderten. Weitere Truppen zogen marodierend und plündernd durch die Stadt und verwüsteten sie. König Johann III. Sobieski versuchte 1677 noch einmal mit einem Ansiedlungs-Dekret die Stadt wieder zu beleben, armenische, griechische und jüdischer Kaufleute sollten angesiedelt werden. Doch dazu kam es nicht, die polnisch-schwedischen Kriege machten alle Pläne zunichte. Für den endgültigen Niedergang des Getreidehandels sorgten dann die Teilungen Polens 1772-1795. Noch einmal geriet Kazimierz Dolny in den Fokus der Geschichte, als hier am 18. März 1831 beim Novemberaufstand die Schlacht bei Kazimierz Dolny stattfand.

Kazimierz Dolny lag seit den polnischen Teilungen im russischen Teilungsgebiet. Dennoch ging der mit der Wende zum 20. Jahrhundert einsetzende Tourismus nicht an der Stadt vorbei, Reiche Patrizier- und Adelsfamilie bauten sich in Kazimierz Dolny ihre Sommervillen. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Stadt noch einmal zerstört, doch der Wiederaufbau gelang rasch und die schöne kleine Stadt wurde wieder ein beliebtes Touristenziel.

Marktplatz in Kazimierz Dolny, Foto:© Marek and Ewa Wojciechowscy / Trips over Poland / CC-BY-SA-3.0, 2.5, 2.0, 1.0 & GDFL

Marktplatz in Kazimierz Dolny, Foto:© Marek and Ewa Wojciechowscy / Trips over Poland / CC-BY-SA-3.0, 2.5, 2.0, 1.0 & GDFL

Sehenswert in Kazimierz Dolny

Einzigartig machen die Renaissancebauten von Kazimierz Dolny das Baumaterial, denn sie wurden alle aus dem weichem Kalkstein der Region errichtet. Das Material ist leicht zu bearbeiten und erlaubte deshalb eine besonders Fassadengestaltung. Die Bürgerhäuser bekamen steile, nach innen geneigte Dächer, die von der Straßenseite unsichtbar von hohen Attiken verdeckt waren. Selbst die Getreidespeicher am Weichselufer mit den Spitzdächern waren reich verziert. Zwei dieser Speicherhäuser sind erhalten. Eines fungiert als Ausstellungsgebäude, der andere Speicher als Hotel.

Kazimierz Dolny ist ein kleines städtebauliches Gesamtkunstwerk mit einem prächtig restaurierten Altstadtkomplex um den Markt. Ihn umstehen Bürgerhäuser und Getreidespeicher aus der Renaissance sowie dem Barock. Herausragende Beispiele sind vor allem die um das Jahr 1615 im manieristischen Stil errichteten Bürgerhäuser „Zum Heiligen Nikolaus“ und „Zum Heiligen Christophorus“, aber auch das um 1630 manieristisch umgebaute Patrizierhaus der Familie Celej, in dem heute das Regionalmuseum zu finden ist. Der Markt ist das Herz der kleinen Stadt, den ganzen Sommer über findet sich hier Stand an Stand. Künstler uns Kunststudenten verkaufen ihre in der Region erschaffenen Werke.

Die 1586–1589 errichtete Pfarrkirche der Hl. Bartholomäus und Johannes der Täufer glänzt mit seiner manieristischen und barocken Ausstattung sowie mit einer der ältesten noch erhaltenen Orgeln Polens mit einer Lärchenholzumfassung aus dem Jahre 1620 und dem Altar von 1615 sollte man nicht verpassen. Weitere sehenswerte Gotteshäuser sind die St.Annen-Kirche aus dem Jahr 1671 und das Heilig Geist-Hospital von 1635 sowie die St. Marienkirche von 1589 und das 1638 bis 1468 erbaute Kloster. Die Schlossruine aus dem 16. Jahrhundert thront auf einem Hügel über dem Weichselufer und ist den kleinen Aufstieg wert. Belohnt wird der Besucher mit einem hübschen Blick über die Stadt. Genauso schön ist der Blick auf die Stadtsilhouette vom anderen Weichselufer aus. Eine kleine Fähre schippert die Besucher über die Weichsel nach Janowiec, der Aufstieg auf den „Berg der drei Kreuze“ ermöglicht diesen Blick.

Das jüdische Kazimierz Dolny

Eine Rolle im Leben der Stadt spielte immer auch die seit dem 14. Jahrhundert hier ansässige jüdische Gemeinde.Unter König Jan II. Sobieski wurde den jüdischen Stadtbewohnern 1674 ein Steuer-Moratorium und bestätigte sämtliche Rechte, die jüdische Stadtbewohner von früheren Herrschern erhalten hatten. Sämtliche Beschränkungen beim Hausbau wurden während seiner Regierungszeit gestrichen. So begann die jüdische Gemeinde aufzublühen. Im 19. Jahrhundert gründete Yechezkel Taub, ein Schüler des “Sehers von Lublin”, die chassidischen Gemeinde Kuzmir. Vor den Kriegsbeginn war die jüdische Bevölkerung auf etwa 1400 Mitglieder angewachsen. Somit stellte die jüdische Gemeinde fast die Hälfte der gesamten Stadtbevölkerung. Während der deutschen Besatzung mussten Juden Zwangsarbeit leisten und Straßen der Stadt mit Grabsteinen des jüdischen Friedhofs pflastern. Ab 1940 wurde in Kazimierz Dolny ein Getto eingerichtet, in dem die Juden des Gebiets Pulawy getrieben wurden. Diejenigen Juden, die Slavenarbeit, Hunger und Krankheiten bis dahin überlebt hatten wurden ab 1942 nach Belzec deportiert und dort vergast. Ende 1942 erklärte die deutsche Stadtverwaltung Kazimierz Dolny für “judenfrei”. Nach dem Krieg wurde in Kazimierz Dolny zur Erinnerung an die jüdischen Bewohner der Stadt, eine Gedenkwand mit den wenigen noch vorhandenen Stücken der jüdischen Grabsteine errichtet.

Umgeben ist die Stadt vom Landschaftspark Kazimierz Dolny, in dem es wunderbare Wanderwege gibt. Nach und nach sollen in diesem Landschaftspark Naturschutzgebiete eingerichtet werden.

Über Brigitte Jaeger-Dabek 1462 Artikel
Brigitte Jäger-Dabek kennt Polen seit vielen Jahren und ist als freie Journalistin Polen-Expertin. Sie ist Autorin des preisgekrönten Buchs "Länderporträt Polen".