Kleiner Grenzverkehr zwischen Kaliningrad und Polen

Polnisch-russische Grenze bei Bezledy, Foto: Brigitte Jäger-DabekKleiner Grenzverkehr zwischen Kaliningrad und Polen eingeführt: Seit dem 1. Juli 2012 ist der Eiserne Vorhang zwischen dem Kaliningrader Gebiet und Polen wieder etwas durchlässiger geworden. Nun können die Bewohner der zwischen Litauen und Polen eingeklemmten russischen Exklave Kaliningrad wieder ohne Visum nach Polen in die Regionen Olsztyn, Elblag und Gdynia einreisen, polnische Bürger der „grenznahen Kreise“ dürfen im Gegenzug in das gesamte Kaliningrader Gebiet fahren.

Seit Polen und Litauen 2004 EU-Mitglieder wurden und später auch dem Schengenraum beitraten, brauchten Bürger des russischen Kaliningrader Gebietes Pass und EU-Visum und konnten ohne größere Reiseformalitäten die Exklave außer über den Seeweg überhaupt nicht mehr verlassen. Der bis dahin schwunghafte Schwarzhandel zwischen Polen und Russen auf der „Straße der Ameisen“ kam zeitweise fast zum Erliegen.

Seit dem 1. Juli 2012 brauchen nun die Bewohner des Kaliningrader Gebiets und die Bewohner der sehr großzügig bemessenen Grenzkreise Polens dafür nur noch den Pass und eine spezielle Meldebescheinigung.

Auf beiden Seiten hofft man. Dass die Regelung sich wirtschaftlich als Erfolgsstory für zwei strukturschwache Gebiete entpuppen könnte. In Russland sind Benzin und Lebensmittel besonders günstig zu haben, in Polen ist der Urlaub für Russen besonders günstig, wie auch die meisten Konsumgüter. Aufsummiert hofft man in Polen auf ein Umsatzplus von rund 50 Millionen Euro. Man träumt von Scharen russischer Urlauber in Masuren und der polnischen Küstenregion bis nach Sopot und Gdynia, denn nun wären auch Spontanurlaube möglich. Ähnlich optimistisch ist die gesamte Konsumgüterbranche.

Auf der russischen Seite träumt man vor allem an den Grenzübergangsorten Mamonowo und Bagrationowsk von riesigen Supermärkten und Einkaufszentren sowie einer Tankstelle an der anderen an den Ausfallstraßen der grenznahen Orte.

Doch es gibt in Polen bei manchen Politikern der Selbstverwaltungsorgane ein etwas flaues Gefühl, denn die Zustände Anfang des Jahrtausends will dort niemand wiederhaben. Damals waren die polnischen Grenzkreise ein fast rechtsfreier Raum, in dem jeder Dritte in irgendeiner Form vom Schwarzhandel profitierte inklusiver der fast regelmäßig wegen Korruptionsgefahr und direkter Schmiergeld-Vorwürfe (lapowka) ausgetauschten Zollbeamten. Ameisen genannte Schmuggler fanden überall eine Durchschlupfmöglichkeit.

Man erhofft vor allem auf russischer Seite, dass dieser Teilerfolg nur der erste Schritt ist auf einen visafreien Reiseverkehr mit der EU. Vor allem erleichtert er aber den sich zuweilen eingesperrt fühlenden Kaliningradern das Leben.

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Brigitte Jäger-Dabek kennt Polen seit vielen Jahren und ist als freie Journalistin Polen-Expertin. Sie ist Autorin des preisgekrönten Buchs "Länderporträt Polen".