Polen als Tagungs- und Konferenzstandort im Aufwind Teil 1

Moderne Konferenzzentren in Polen

Polens Hotels bieten Konferenzen, Tagungen und Geschäftstreffen an, Hotel Platinum Ostroda, Foto: B.Jäger-Dabek

Polens Hotels bieten Konferenzen, Tagungen und Geschäftstreffen an, Hotel Platinum Ostroda,

Wundert man sich, wie die Vier- und Fünfsternehotels in Polens Ferienorten über die Zeit außerhalb der Sommersaison kommen hört man immer wieder, dass diese Hotels einen großen Teil ihres Umsatzes durch Firmenincentives, Kongresse, Konferenzen und Schulungen machen. Das gilt besonders für Sommerdestinationen wie die Ostsee oder Masuren. Dadurch profitiert auch die gesamte Region, denn auch andere direkt oder indirekt vom Tourismus lebenden Betriebe erzielen zusätzliche Umsätze. Bisher wird dieses Angebot überwiegend von polnischen Institutionen und Firmen genutzt, doch das soll sich nun ändern, man will auch ausländische Nachfrage angezogen werden.

„Polen setzt bei Tagungen, Konferenzen und Messen auf ein weiteres Wachstum.“ Das betonte Jan Wawrzyniak, Direktor des Polnischen Fremdenverkehrsamtes bei der Fachmesse IMEX in Frankfurt/Main. Gerade erst habe man in Krakow (Krakau) und Katowice (Kattowitz) neue internationale Konferenzzentren eröffnet. Auch das Angebot von Tagungshotels wachse stetig. Im vergangenen Jahr fanden in Polen insgesamt 18.820 Treffen und Veranstaltungen im Businesssektor statt. Das geht aus der sechsten Ausgabe des Convention Reports hervor, der kürzlich vom Poland Convention Bureau veröffentlicht wurde. Gegenüber 2013 bedeutet das ein leichtes Plus von 720 Events. Die Zahl der Teilnehmer lag in den vergangenen drei Jahren konstant bei etwa vier Millionen. Rund ein Sechstel der Veranstaltungen finden mit internationaler Beteiligung statt.

Mehr als 60 Prozent der Geschäftstreffen wurden in Hotels organisiert. Ihnen bescherten Tagungen, Incentives und Messen im vergangenen Jahr etwa 8,3 Millionen Übernachtungen. Das entspricht fast einem Viertel der gesamten Übernachtungszahlen. Im Schnitt blieben die Besucher 3,2 Tage und gaben 745 Z?oty (rund 185 Euro) für die Unterkunft aus. Knapp 19 Prozent aller Veranstaltungen fanden in großen Kongress- oder Ausstellungszentren statt, fast 14 Prozent in Objekten für spezielle Veranstaltungen sowie knapp sechs Prozent an Hochschulen. Messen in Polen wurden im vergangenen Jahr von rund 2,1 Millionen Menschen besucht, die Zahl der Konferenzteilnehmer lag bei etwa 1,2 Millionen, an Corporate und Incentive Events nahmen jeweils etwa 330.000 Personen teil.

Größter Messestandort in Polen ist Poznan (Posen). Die dortige Messegesellschaft verzeichnete im Jahr 2014 ein Rekordergebnis mit 640.000 Besuchern, rund 135.000 mehr als im Jahr zuvor. Auch bei der Zahl der verkauften Standfläche wurde 2014 mit rund 468.000 Quadratmetern ein neuer Rekord erzielt. Die Posener Messe hat in den vergangenen Jahren umfangreiche Modernisierungs- und Erweiterungsinvestitionen getätigt. Zweitgrößter Messestandort Polens ist die Internationale Messe Kielce, wo im vergangenen Jahr rund 210.000 Besucher und gut 200.000 Quadratmeter vermietete Fläche registriert wurden.

Die meisten MICE-Veranstaltungen (Meetings, Incentives, Conventions, Events) fanden 2014 in Krakow statt. Dort wurden fast 4.000 Veranstaltungen gezählt. Die südpolnische Kulturstadt ist bei Ausrichtern von Kongressen und Konferenzen beliebt und hat das Angebot für Tagungsmöglichkeiten stark ausgebaut. Die Hauptstadt Warszawa (Warschau) mit 3.586 und die niederschlesische Metropole Wroc?aw (Breslau) mit 2.791 Veranstaltungen folgten auf den Plätzen. Auch andere große Städte wie Poznan, Katowice, Gdansk (Danzig) und Lodz (Lodsch) veranstalten jedes Jahr weit über 1.000 Business-Treffen.

„Um auf dem nationalen und internationalen MICE-Markt wettbewerbsfähig zu bleiben, investieren die Städte und Regionen in die weitere Entwicklung der Infrastruktur“, so Jan Wawrzyniak. So sei in Krakau im Herbst 2014 das 85 Millionen Euro teure ICE Krakow eröffnet worden. Hinter der Fassade, deren Wellenform an die nahe gelegene Weichsel anknüpfen soll, verbirgt sich High-Tech vom Feinsten. Herzstück ist das große Auditorium. Der für bis zu 2.100 Personen konzipierte Raum gilt auch als einer der besten Konzertsäle im ganzen Land. Für internationale Kongresse verfügt er über eine Simultandolmetschanlage mit 24 Kabinen. Modern ausgestattet sind auch die weiteren Veranstaltungsräume, wie der Theatersaal für bis zu 600 Gäste oder der Kleine Saal mit Platz für 500 Personen. In mehrere kleine Einheiten kann der rund 500 Quadratmeter große Mehrzwecksaal getrennt werden, der mit Foyer und Kleinem Saal zu einem rund 1.000 Quadratmeter großen Ausstellungs- und Bankettsaal kombinierbar ist. Für Veranstaltungen mit sechs bis 30 Teilnehmern stehen in den oberen Stockwerken 32 Tagungszimmer zur Verfügung.

In Krakau wurden 2014 zwei weitere Großprojekte fertiggestellt. Das neue Messe- und Konferenzzentrum EXPO Krakow bietet 9.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche in zwei modernen Hallen. Die Räume können auch für große Konferenzen, Bankette oder Firmenpräsentationen genutzt werden. Multifunktional nutzbar ist auch die neue Tauron Arena Krakow, mit mehr als 15.000 Plätzen die größte und modernste Sporthalle des Landes. Dort finden zudem zahlreiche Konzerte statt. Die Halle bietet sich darüber hinaus für Ausstellungen, Messen, Kongresse oder Firmenpräsentationen an. Zur Anlage gehören zwei kleinere Konferenzräume, eine kleine Sporthalle sowie mehrere Restaurants und Bars.

Nur knapp eine Autostunde entfernt von Krakau sei in diesem Frühjahr eines der größten Kongress- und Veranstaltungszentren Polens fertiggestellt worden, berichtet Wawrzyniak. Das neue Internationale Kongresszentrum (ICC) in Katowice, für das gerade ein Betreiber gesucht wird, bietet Platz für mehr als 15.000 Personen. Zusammen mit der benachbarten Mehrzweckhalle Spodek stehen künftig rund 26.000 Plätze für Großveranstaltungen zur Verfügung. Das zweiteilige Bauwerk des neuen Kongresszentrums verfügt über knapp 35.000 Quadratmeter Nutzfläche. Herzstück ist ein Multifunktionssaal mit Platz für bis zu 12.000 Personen, der in drei gleich große Einzelräume aufgeteilt werden kann. Während dieser Saal hauptsächlich für Messen und Massenveranstaltungen genutzt werden soll, eignet sich das für bis zu 600 Personen konzipierte Auditorium für kleinere Tagungen oder Konzerte.

Zum ICC gehören zudem ein Bankettsaal für bis zu 1.000 Gäste, ein geräumiges Hauptfoyer, 18 Konferenzräume für insgesamt etwa 1.200 Personen sowie ein dreigeschossiges Restaurant mit Sommergarten und 450 Plätzen. Ein Café mit Außenanlage sowie ein Eltern-Kind-Bereich komplettieren das Angebot. Ein Fußgängertunnel verbindet das neue Kongresszentrum mit der Mehrzweckhalle Spodek, die bereits 1971 entstand und zu den bemerkenswertesten Bauwerken im sozialistischen Polen zählte. Sie wirkt wie ein Raumschiff, das im Stadtzentrum gelandet ist, und trägt deshalb auch den Namen Spodek (Untertasse). In der erst vor wenigen Jahren gründlich sanierten Halle werden Messen, Konzerte sowie große Sportturniere veranstaltet.

Weit fortgeschritten sei der Bau des neuen Kultur- und Kongresszentrums Jordanki im gleichnamigen Stadtviertel von Torun (Thorn), so der Direktor des Fremdenverkehrsamtes. Das 54 Millionen Euro teure Gebäude soll ab August 2015 einerseits dem Thorner Symphonischen Orchester als Spielort dienen, andererseits auch für Theater-, Film- und Opernaufführungen, Kongresse und Konferenzen genutzt werden. Der Entwurf des renommierten spanischen Architekten Fernando Menis greift die Lage des neuen Kulturzentrums direkt zwischen der als UNESCO-Welterbe geschützten mittelalterlichen Altstadt und den modernen Stadtbezirken im Norden auf. Die Fassade dominieren einerseits klare geometrische Formen und Flächen. Andererseits zeichnet sich das Bauwerk durch eine Vielschichtigkeit der einzelnen Baukörper aus, die ineinander verschoben und von überdimensionalen Spalten durchzogen sind. Die Unregelmäßigkeit der Formen dominiert auch im gesamten Innenbereich und gibt Besuchern das Gefühl, sich in einem organischen Höhlengebilde zu befinden. Kernstück ist der große Konzertsaal mit einer Fläche von etwa 2.000 Quadratmetern. Bewegliche Decken- und Wandelemente stellen den Raum, der Platz für bis zu 880 Gäste bietet, auf verschiedene akustische Situationen ein. Ein kleinerer Saal ist für Veranstaltungen mit bis zu 300 Personen ausgerichtet. Die Räume lassen sich zudem in kleinere Einheiten aufteilen.

Neben multifunktional nutzbaren Kultur-, Konferenz- und Veranstaltungszentren entstehen in Polen auch immer mehr Hotels mit modernen Räumlichkeiten für Tagungen unterschiedlicher Größe. So bietet das neue Hilton-Hotel der Marke Double Tree im Südosten von Warschau neben 360 Zimmern einen Ballsaal für 2.000 Gäste sowie 20 kleinere Konferenzräume. Gegen Ende des Jahres 2015 sollen in Krakau zwei neue Hotels von Hilton ihren Betrieb aufnehmen. Das 4-Sterne Hotel der Marke DoubleTree und das 3-Sterne-Hotel der Marke Hampton bilden eine bauliche Einheit, zu der neben rund 400 Zimmern auch ein Konferenzbereich mit großem Ballraum sowie 16 weiteren Tagungsräumen für bis zu 2.000 Teilnehmer gehören wird. Die Anlage entsteht unweit der neuen Tauron Krakow Arena. Zum Investitionsprojekt Baltic Molo Park in dem auf der Insel Usedom gelegenen Seebad ?winouj?cie (Swinemünde) gehören neben einer neuen Seebrücke auch zwei 5-Sterne-Hotels sowie ein Konferenzzentrum für mehr als Tausend Teilnehmer. Der erste Abschnitt soll bereits 2016 eröffnet werden.

Zur Unterstützung von Veranstaltern aus der MICE-Branche stehen neben dem Poland Convention Bureau insgesamt elf regionale Convention Bureaux in Polen zur Verfügung. Neu gegründet wird gerade ein Convention Bureau für die Woiwodschaft Warmia-Mazury (Ermland-Masuren), das zum Ziel hat, den Geschäftstourismus in der Region zu entwickeln und die vorhandenen Hotelkapazitäten auch außerhalb der Sommersaison besser auszulasten. „Dass Polen in der Lage ist, auch große internationale Tagungen zu organisieren, zeigte sich beispielhaft bei der 19. Weltklimakonferenz der UN, die Ende 2013 mit rund 10.000 Teilnehmern aus 190 Staaten im neuen Warschauer Nationalstadion stattfand“, erklärt Direktor Jan Wawrzyniak. Zu den größten Veranstaltungen der kommenden Monate wird der Weltkongress der Zahnärzte gehören, zu dem im September 2016 rund 10.000 Teilnehmer aus aller Welt in Poznan erwartet werden.

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Brigitte Jäger-Dabek kennt Polen seit vielen Jahren und ist als freie Journalistin Polen-Expertin. Sie ist Autorin des preisgekrönten Buchs "Länderporträt Polen".