Polen: Besuch des russischen Kirchenoberhaupts mit Versöhnungserklärung

Patriarch Kyrill I. von Moskau zu Besuch in Polen, Foto: Wikimedia.org, Serge Serebro

Patriarch Kyrill I. von Moskau zu Besuch in Polen, Foto: Wikimedia.org, Serge Serebro,

Wie es seinerzeit im deutsch-polnischen Verhältnis die polnischen Bischöfe waren, die mit ihrem Brief erstmals nach Jahren der Eiszeit und Sprachlosigkeit wieder Bewegung in den Prozess der Versöhnung und Normalisierung brachten, wollen es nun auch im polnisch-russischen Verhältnis die Kirchen sein, die den Aussöhnungsprozess wieder in Gang bringen in dem schwierigen Verhältnis beider Nationen.

Historischer Besuch des russischen Kirchenoberhapts

Am Donnerstag den 16. August 2012 ist der Moskauer Patriarch Kyrill I., das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche zu einem viertägigen Polenbesuch in Warschau eingetroffen. Der Patriarch, der mit bürgerlichen Namen Wladimir Michailowitsch Gundjajew heißt, hat seit seiner Zeit als Leiter des Außenamts der russisch-orthodoxen Kirche gute Kontakte zur römisch-katholischen Kirche. Im Amt ist Kyrill I. seit dem 1. Februar 2009. Er besucht Polen auf Einladung des Oberhaupts der orthodoxen Kirche ind Polen Metropolit Sawa .

Der Besuch Kyrills ist der erste Besuch eines russischen Kirchenoberhaupts in Polen überhaupt und soll die Versöhnung zwischen Polen und Russen voran bringen, betonte der Patriarch bei seiner Ankunft am Warschauer Fluighafen. Er erklärte, davon überzeugt zu sein, Missverständnisse zwischen beiden Ländern seien auf der gemeinsamen Grundlage des Evbangeliums überwindbar. Vor allem der Ton im Umgang miteinander müsse sich ändern zwischen Polen und Russland, sagte Kyrill in einem Interview mit dem polnischen Rundfunk vor Antritt seiner Reise. Es sei unabdingbar, einander zu sagen „Verzeiht“. Kyrill I. warnte in dem Interview auch vor einer Politisierung der gemeinsamen Initiative beider Kirchen.

Polnisch-russische Versöhnungserklärung

Höhepunkt von Kyrills Reise war die gemeinsame Unterzeichnung einer Versöhnungsbotschaft im Warschauer Königsschloss, die Unterschriften leisteten am Freitag Patriarch Kyrill I. und der Vorsitzende der polnischen Bischofskonferenz Erzbischof Jozef Michalik von Przemysl. In der Botschaft appellieren beide Kirchen an alle Polen und Russen, einander alle Schuld, alles Unrecht und alles Schlechte zu vergeben, was man einander im Laufe der geschichte angetan habe. Bei einer Pressekonferenz in Warschau erklärte Jozef Kloch, der Pressesprecher des polnischen Episkopats, die Botschaft war das erste gemeinsame Dokument beider Kirchen überhaupt. Der Text rufe einfach zur Versöhnung auf. Die Streitfragen zwischen beiden Nationen würden Spezialisten lösen, dies sei nur ein erster Schritt, dem weitere folgen würden, betonte Kloch. Henryk Paprocki, der Pressesprecher der orthodoxen Kirche in Polen betonte die ganz besondere Bedeutung dieses Besuchs, denn Kyrril I. treffe sich auch mit dem polnischen Präsidenten Komorowski und anderen hochrangigen Politikern.

Inspiration zu dieser Versöhnungsaktion sei der Briefwechsel zur Versöhnung zwischen der polnischen und deutschen Bischofskonferenz 1965. Als Beginn der russischen Initiative wird der von Patriarch Kyrill I. in Katyn begangene Gedenkgottesdienst gewertet, in dem er Katyn als Ort gemeinsamen Leidens bezeichnet hatte.

Das belastete polnisch-russische Verhältnis

Neben Katyn gibt es noch weitere Gründe für das miserable polnisch-russische Verhältnis, das 42% der Polen als sehr schlecht und nur 12% als normal beurteilen. Russland war Teilungsmacht bei den drei Teilungen Polens zwischen 1772 und 1795 und mitverantwortlich für das Verschwinden Polens von der Landkarte. Die folgende russischen Besetzung des polnischen Ostens, später der Hitler-Stalin-Pakt und der Einmarsch der Sowjetunion in den östlichen Teil Polens und nach Kriegsende die zwangsweise Eingliederung in den Ostblick – alles Geschichtsereignisse, die viele Polen bis heute verbittern. Doch auch die Russen haben noch eine Rechnung mit Polen offen: Im sowjetisch-polnischen Krieg von 1920 seien Tausende von sowjetischen Kriegsgefangenen an der menschenunwürdigen Behandlung gestorben.

Politiker der national-konservativen Oppositionspartei Recht und Gerechtigkeit PiS kritisierten Kyrills Versöhnungsinitiative und reiben sich vor allem an Kyrills Nähe zum russischen Präsidenten Putin. Doch auch liberale und linke Oppositionspolitiker beargwöhnten die Kirchengeste ob Kyrills scharfer Attacken gegen die Punkgruppe „Pussy Riot“.Die regierende liberale Bürgerplattform PO begrüßt die Initiative beider Kirchen.

Nach der Unterzeichnung der Erklärung reiste Kyrill I. weiter nach Ostpolen, wo die meisten seiner orthodoxen Glaubensbrüder leben. Er besuchte dort Bialystok, Hajnowka und den Wallfahrtsort Grabarka. Dort feierte er am Sonntag, den 19. August den Gottesdienst zum Fest der Verklärung Christi.

Über Brigitte Jaeger-Dabek 1464 Artikel
Brigitte Jäger-Dabek kennt Polen seit vielen Jahren und ist als freie Journalistin Polen-Expertin. Sie ist Autorin des preisgekrönten Buchs "Länderporträt Polen".