Polen: Das Ende der EURO 2012 – Eine Bilanz

Nationalstadion Warschau

Nationalstadion Warschau; Foto: Mateusz Wlodarczyk,

Die EURO 2012 ist nun Geschichte und hat mit dem historischen Sieg mit Spanien einen verdienten und im Finale grandios aufspielenden Sieger gefunden. Zeit für eine Bilanz. Was hat sie also für Polen gebracht, diese EURO 2012, das erste sportliche Großereignis, das Polen und die Ukraine ausgerichtet haben?

Das frühe Ausscheiden der Gastgeber tat nach einer kurzen Trauerphase der Stimmung kaum Abbruch. Das fällige Großreinemachen im polnischen Fussballverband ist auf die Zeit nach der EM vertagt.

Zwei große positive Bereiche bleiben für Polen. Es ist ein bisschen so, wie 2006 das deutsche Sommermärchen, das Deutschland fühlbar verändert hat. So etwas ist auch in Polen passiert. Da war ein ganz neues Nationalgefühl, das mit viel Stolz auf das nach der Wende Erreichte Polen als ein modernes Land mitten in Europa zeigte mit weltoffenen, gastfreundlichen Menschen, fähig zu hervorragender Organisation und in der Lage ein solches Großereignis souverän über die Bühne zu bringen. Viele Europäer aus Ländern westlich der Oder hatten Polen das nicht zugetraut, jahrelang wurde jede kleine Verzögerung bekrittelt, jede Panne und immer stand das große, fußballmächtige Deutschland als Ersatzausrichter in dunkle Wolken gemalt da. Nun kann man in Polen entspannt zurücksticheln und spötteln, die Deutschen bekämen weder den Flughafen in Berlin fertig noch so etwas wie eine Oper – gemeint ist die Hamburger Elbphilharmonie.

Polen hat aufgehört, sich wie die bucklige Verwandschaft der Europäer tief im Osten kurz vor Sibirien zu fühlen. Das Land ist angekommen – mitten in Europa und wird nun endlich auch im Westen eher als Teil Mitteleuropas, denn als osteuropäisches Land wahrgenommen. In Polen laufen die weißen Bären nicht auf den Straßen, weder in der Provinz, noch in Warschau.

Der neue Nationalstolz der Polen, die Freude daran zu zeigen, was man geschafft hat, grenzt nicht mehr aus und ab, er nahm die Besucher in offene Arme, vorbei scheint die Zeit des Opfer- und Heldenmythos von Polen als dem Christus des Völker. So sieht es auch der polnische Sozialwissenschaftler Roch Sulima, der das neue polnische Nationalgefühl damit erklärt, dass die Polen nun so etwas wie volljährige Europäer geworden sein. Die Minderwertigkeitsgefühle seien durch die Erfahrung eine EM als gute Gastgeber ausgerichtet zu haben deutlich abgemildert worden, die Polen fühlten sich nicht mehr als arme Verwandte.

Der polnische Präsident Bronislaw Komorowski betonte ausländischen Journalisten gegenüber, sein Land habe während des Turniers die Verändrungen der letzten 20 Jahre zeigen können. Auch Polen habe sich in den vergangenen Wochen verändert, denn was er in den Stadien gesehen habe, war ein völlig anderer Patriotismus, fügte Komorowski an. Ex-Präsident Lech Walesa, der genau wie sein Nachfolger Alksander Kwasniewski zum Endspiel nach Kiew gereist war, meinte, der Eiserne Vorhang sein nun endgültig zerbrochen.

Begeistert über die Atmosphäre und den Erfolg der EM zeigten sich auch die Stadtpräsidenten der polnischen Spielorte. Manche der Bürgermeister der Gastgeberstädte sind so begeistert von der EM-Erfahrung, dass sie auf weitere internationale Begegnungen hoffen: Der Bürgermeister von Danzig hat bereits vorgeschlagen, Polen solle sich um die WM-Ausrichtung bewerben. Pawel Adamowicz, seit 1998 Danziger Stadtpräsident und bekennender Fußballfan möchte den Aufwind ausnutzen und plädiert auf der Facebook-Fanpage Zorganizujmy Mistrzostwa ?wiata w Polsce gar dafür, in Polen eine WM auszurichten.

Zunächst aber müssen die neuen, schicken Stadien in den Spielorten Danzig, Poznan, Breslau und Warschau auch künftig mit Leben erfüllt werden. Allein mit Fußball ist es dabei nicht getan, denn die höchste polnische Spielklasse Ekstraklasa hat mit pro Spiel durchschnittlich rund 8.500 Fans zu wenig Zuschauer, um den Unterhalt finanzieren zu können.  Doch die Konzepte sind weiter als nur in der Planung, das Warschauer Nationalstadion soll zum polnischen Wembley werden, neben Sport mit vielen Megaveranstaltungen: Anfang August kommt Madonna.

Nach der EM kämen die Touristen und Kongresse, meint Adam Wozniak schon im Titel seines Artikels in der konservativen Tageszeitung Rzeczpospolita. Dort zitiert er die positive Prognose der polnischen Tourismusorganisation POT. Deren optimistische Prognose erwartet fast 14 Mio. ausländische Besucher in Polen, 600.000 mehr als 2011. Die POT meint, dass sich das Großereignis EM auch langfristig auf die Touristenzahlen auswirke. Nach der EM-Vorrunde hat man erste Befragungen durchgeführt, die zum Ergebnis hatten, dass 60 Prozent der ausländischen EM-Touristen tatsächlich zum ersten Mal in Polen waren. Von ihnen hat es acht von zehn so gut gefallen, dass sie wiederkommen wollen.  Fast allen, nämlich mehr als 90 Prozent wollen auch Polen als Urlaubsland weiterempfehlen. Der Autor der Rzeczpolpolita beleuchtet andere Länder, in denen große Sportveranstaltungen stattgefunden haben. Fast überall habe sich eine Großveranstaltung als langfristiger Tourismusmotor entpuppt, so seien in Portugal stieg die Touristenzahlen nach der EM 2004 um 100 Prozent gestiegen, in Deutschland nach der WM 2006 immerhin noch um zehn Prozent.

Weiter heißt es in der Rzeczpospolita, man könne ein ebenfalls hohes Wachstum an Konferenz- und Geschäftsreisen nach Polen erwarten, denn auch dafür sei die Infrastruktur stark ausgeweitet worden. Im internationalen Ranking sei Polen bereits auf dem 21. Platz beim Geschäftstourismus angekommen. Besonders die Hauptstadt Warschau sei inzwischen zu einer Metropole für internationale Kongresse geworden und läge nun auf dem Ranking- Platz 28. Damit habe Warschau immerhin Städte wie Genf, Zürich, München und Tokio und überholt.

Das Gastgeberland Polen hofft nun also neben dem Infrastrukturgewinn auf einen Imagegewinn, der die EM deutlich überdauert. Erstmals in der jüngeren Geschichte reicht etwas von dieser Hoffnung über Polens Metropolen und die Spielorte hinaus bis in etliche Provinzregionen.

Wenn man die unzähligen Hotelneubauten, neuen Sportanlagen von Sportstadien bis hin zu Wasserskianlagen sowie Kulturstätten wie spektakulären Amphitheatern in der polnischen Provinz sieht,fragt man sich, wie manche Einheiten davon wohl unterhalten werden sollen. Fragt man bei polnischen Selbstverwaltungen nach, hört man das neue Zauberwort: Regionalmarketing. Da wird Borussia Dortmund in die westmasurische Kleinstadt Osterode geholt, attraktive Festivals wie Ostroda Reggae nutzen die Lage am See. Wie in einem rauschhaften Höhenflug, in dem Unglaubliches möglich erschein befand sich Polen in den letzten ein, zwei Jahren in einem Hochgefühl, wie in der ersten Nachwendezeit, als der Sommer nicht enden wollte. In diesem Höhenflug hat sich das Gesicht vieler Städte in atemberaubendem Tempo verändert. Erstmals in der Nachwendegeschichte kaum diese Bewegung auch in vielen Provinzgegenden an und viele Selbstverwaltungen griffen zu. Dennoch finden viele Polen vor allem in kleinen Städten nun sei es genug mit dem Höhenflug, jetzt seien die Bürger mal wieder dran und das schicke neue Polen sollte nun wieder mal an den Alltag denken. Und da geht es um die Schulen, die geschlossen werden sollen, um die untergeordneten Straßen und bezahlbaren Wohnraum für alle.

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Brigitte Jäger-Dabek kennt Polen seit vielen Jahren und ist als freie Journalistin Polen-Expertin. Sie ist Autorin des preisgekrönten Buchs "Länderporträt Polen".