Polen im Bann der Heiligsprechung von Johannes Paul II.

Papst Johannes Paul II.,Foto: White House photo by Eric Drape, public domain

 

Eine Countdown-Uhr auf dem Aussichtsturm des Johannes-Paul-II.-Sanktuarium in Krakau zählt schon seit Februar die Stunden bis zur Heiligsprechung in Rom. Seit Wochen ist die Kanonisierung von Johannes Paul II. das große Thema in Polen.

Nach dem Tod des ersten polnischen Papstes im April 2005 Hatte die Kirche in Polen immer mehr an Einfluss verloren. Die verhärteten Positionen passten immer weniger in die gesellschaftlichen Nachwende-Veränderungen Landes. Die Nachwirkungen des polnischen Pontifikats, die man auf Seiten des Episkopats schon durch die Generation Johannes Paul II, die nie etwas anderes als einen polnischen Papst erlebt hatte noch für lange Zeit gesichert sah, hat sich in Luft aufgelöst. Zwar geht das Gros der Polen noch immer sonntags in die Kirche, gelten also als praktizierende Katholiken, haben sich die Einstellungen unserer Nachbarn geändert. Die Akzeptanz einer Kirche, die ihren Einfluss auf die gesellschaftliche Entwicklung und die Politik des Landes vehement zu verteidigen sucht, wirkt auch für in Polen zunehmend als Anachronismus. Zeitgeist und Lebensgefühl auf der einen und die Positionen der Kirche driften immer mehr auseinander. Dieses Abrücken von der Lebensrealität der Polen ermöglichte sogar den direkten Parlamentseinzug der antiklerikalen Partei von Janusz Palikot. Dazu kamen die Fehler der Kirche, ob es die Exkommunikationsdrohungen bei der Invitro-Fertilisation war, der erbarmungslose Ausschluss Geschiedener von den Sakramenten, Großen Schaden fügte sich die Kirche vor allem beim Umgang mit Pädophilie- und Missbrauchsvorwürfen selbst zu.

Seltsam unberührt von all dem blieb der polnische Papst, das Andenken an Johannes Paul II. nahm daran leinen Schaden. Wird er in Deutschland nach außen zwar als Papst der Freiheit gesehen, steht er aber für viele Deutsche vor allem für 26-jährigen innerkirchlichen Stillstand. Das wird in Polen ganz anders gesehen. Johannes Paul II. ist im Nachbarland nicht nur „ihr“ Papst, weil er als Pole ihre Geschichte teilte. Verehrt wird er ob seiner unbestritten großen Rolle beim Fall des Eisernen Vorhangs und des Erlangens der Freiheit für Polen. Dazu ist er nach wie vor die moralische Instanz in Polen und auch das Vorbild vieler junger Polen. Was man hier als Starrheit betrachtet, wird östlich der Oder eher als bewundernswertes Einstehen für seinen Glauben und seine Überzeugungen gesehen. Seltsam glattgebürstet und sich jeder Diskussion und Kritik an irgendetwas, was mit der Heiligsprechung zu tum hat, wirken auch Polens Medien.

Seit Wochen beherrscht die Heiligsprechung am Sonntag nicht nur Berichterstattung und Geschehen in der polnischen Kirche. Heilig gesprochen wird am Sonntag zwar nicht nur Johannes Paul II. sondern auch Johannes XXIII, das aber ist in Polen eher nebensächlich. Im Nachbarland ist Kanonisierung des bekanntesten Polen ein Superevent mit dem entsprechenden Hype und Kommerz im Vorfeld.

500-Zloty-Gedenkmünzen zur Heiligsprechung, Foto: NBP Polen

Nicht nur Devotionalien gingen weg wie geschnitten Brot. Um ausgesprochen Hochpreisiges gab es sogar Schlägereien. Kürzlich gab die Polnische Nationalbank NBP einen Gedenkmünzensatz anlässlich der Heiligsprechung aus. Vor den Ausgabestellen wurde schon vor dem Ausgabetermin tagelang angestanden. Begehrtestes Objekt waren nicht wie erwartet die Münzen zu zwei oder zehn Zloty, auch nicht die 21 mm im Durchmesser große 100-Zloty-Münze aus 900er Gold, angestanden wurde hauptsächlich wegen der 500-Zloty-Münze aus 999er Silber mit einem Gewicht von einem Kilo, einen Durchmesser von 10 cm und kostet 7.800 Zloty (1.800 €). Diese Münze nämlich hat eine limitierte Ausgabe von nur 966 Exemplaren. Diese Münze wird im familienorientierten Polen als Erbstück gekauft, etwas, was man seinen Enkeln hinterlassen kann, selbst wenn die noch nicht geboren sind.

Über 30 Bücher über Johannes Paul II. kamen auf den Markt. Eines davon wurde zum Bestseller und ist inzwischen 1,2 Millionen Mal über die Ladentheken gegangen. Es wurde von Kardinal Stanislaw Dziwisz, dem einstigen Privatsekretär von Johannes Paul II. eigentlich gegen dessen Willen herausgegeben. Das Buch mit dem Titel „Karol Wojtyla – ich bin sehr in Gottes Händen“ ist nichts anderes als eine 635 Seiten umfassende gedruckte Ausgabe der persönlichen Notizen Johannes Pauls der Jahre 1962 bis 2003. In seinem Testament hatte der Papst verfügt, diese Notizen sollten verbrannt werden, doch Dziwisz entschied, diese Texte seien der Schlüssel zum Verstehen seiner Geisteswelt. Die Einnahmen kommen dem Museum und Sanktuarium Johannes Pauls II. in Krakau zugute. Viele Polen deckten sich gleich mit mehreren Exemplaren ein, so scheint das Buch zum bevorzugten Geschenk zu werden.

Schon im Vorfeld wurden rund hundert Kirchen im Land mit Reliquien ersten und zweiten Grades des neuen Heiligen ausgestattet. Als Reliquien ersten Grades gelten dabei Teile vom Körper Johannes Pauls II., vor allem in Form von Haaren und Blut. Reliquien zweiten Grades sind Gegenstände, die der Papst berührt hat, also etwas wie ein getragenes Nassgewand. So bekam der Wallfahrtsort Jasna Gora in Tschenstochau die blutige Schärpe des Gewands, das Johannes Paul II. beim auf ihn verübten Attentat von 1981 trug. Auch der Handel mit tatsächlichen oder vorgeblichen Reliquien trieb seine Blüten bis hin zu Ebay im Internet. Die Reliquieninflation stieß dabei bei den polnischen Gläubigen nicht immer auf Verständnis, es sein nicht in Ordnung, ein Stück Stoff anzubeten las man in Internetkommentaren selbst auf kirchennahen Seiten.

Den Sonntag der Heiligsprechung wird Polen im Ausnahmezustand sehen. Die Kirchen werden voll sein wie nach dem Tod des polnischen Papstes nie mehr. In Rom erwartet man allein aus Polen mindestens eine Million Pilger, unter ihnen die Nachwendepräsidenten Polens Lech Walesa, Alexander Kwasniewski und Bronislaw Komorowski. Insgesamt bereitet Rom sich auf fünf Millionen Gläubige vor, die Zahlen sind allerdings kaum abzuschätzen. Der Vatikan hat rund um den Petersplatz technisch gewaltig aufgerüstet, dutzende Kameras übertragen vom Petersplatz neun Satelliten versorgen die Welt mit Bildern, damit kein Gläubiger das Ereignis verpassen muss.

In Polen kann das Ereignis in vielen Städten beim „public viewing“ als Gemeinschaftserleben verfolgt werden. Selbst im Nationalheiligtum Jasna Gora in Tschenstochau kann die Heiligsprechung direkt verfolgt werden. In Wadowice bei Krakau, dem Geburtsort von Johannes Paul II. werden am Sonntag mindesten 150.000 Pilger erwartet, die dort gemeinsam die Feier auf der Großleinwand erleben können.

Der Sejm ehrte Johannes Paul den II. per Parlamentsbeschluss mit der Ernennung zum «wichtigsten der Väter der polnischen Unabhängigkeit». Zwar ist Johannes Paul II. schon der 31. Polen, der heiliggesprochen wird, doch ist der Weg vorgezeichnet zum neuen Nationalheiligen von Polen – gleich nach der Gottesmutter Maria. Das hätte ihm wohl gefallen.

Über Brigitte Jaeger-Dabek 1450 Artikel
Brigitte Jäger-Dabek kennt Polen seit vielen Jahren und ist als freie Journalistin Polen-Expertin. Sie ist Autorin des preisgekrönten Buchs "Länderporträt Polen".