Polen: Smolensk und kein Ende

Wochenmagazin Wprost, fragt auf dem Titelbild derAusgabe 39/2012: Sie auch?Smolensk und kein Ende – Polen findet keine Ruhe. Nicht aufhören wollen die Kontroversen um Absturzursachen, Schuldige, über etwaige Verschwörungen und Schlampereien bei Untersuchung und Aufarbeitung des Absturzes der polnischen Präsidentenmaschine am 10. April 2010 bei Smolensk in Weißrussland, bei dem das Präsidentenehepaar Kaczynski und weitere 94 Mitglieder der polnischen Elite den Tod fanden.

Und wieder bestimmt die Flugzeugkatastrophe von Smolensk die Schlagzeilen in Polen. Diesmal droht der Fall der bekannten Solidarnosc-Aktivistin Anna Walentynowicz zum Skandal zu werden. Deren sterbliche Überreste wurden mit denen von Teresa Walewska-Przyjalkowska verwechselt, die als Präsidentin einer Katyn-Stiftung an Bord der Präsidentenmaschine war. Das ergab eine von der Militärstaatsanwaltschaft am Mitte September veranlasste Exhumierung beider Leichen in Warschau und Danzig, nachdem die Familie von Anna Walentynowicz den Stein ins Rollen gebracht hatte.

Die Folge der Affäre: Ab sofort wird zumindest an der Zuordnung derjenigen etwa zehn Leichen gezweifelt, die nicht von Angehörigen zweifelsfrei identifiziert wurden, sondern nur per DNA-Vergleich. Weil also nicht klar ist, wessen Überreste wirklich unter welchem Grabstein liegen, kündigte die Militärstaatsanwaltschaft weitere Exhumierungen an. Und sofort schossen wieder die Verschwörungstheorien und Vermutungen über Lügen die Absturzursache betreffend ins Kraut.

Stefan Hambura, der von Anna Walentynowiczs Sohn beauftragte Anwalt der Opferfamilie bezeichnete die Vorgänge als Skandal. Die Exhumierung war nicht wegen des Verwechslungsverdachts beantragt worden, sondern um die Unglücksursache zu ermitteln, da die Familie – wie auch große Teile der nationalkonservativen Opposition – eine Explosion als einzig möglioche Absturzursache vermutet. Im Mittelpunkt der Kritik steht die jetzige Sejm-Marschallin (Parlamentspräsidentin) Ewa Kopacz, die zur Zeit des Absturzes als Gesundheitsministerin in Moskau war, um die Obduktion der Leichen zu überwachen. Sie hatte bestätigt, dass polnische und russische Ärzte bei den Obduktionen „Hand in Hand gearbeitet hätten“. Doch zu dem Zeitpunkt waren die polnischen Ärzte und Staatsanwälte noch unterwegs. Die russische Seite hatte bereits in der Nacht nach dem Unglück mit den Obduktionen begonnen. Das Politmagazin Wprost

Inzwischen hat Regierungschef Donald Tusk am Freitag, den 27. September 2012 im Parlament bei einer aktuellen Stunde zum Thema Smolensk, die Verantwortung übernommen und sich für die Fehler bei den Smolensk-Untersuchungen bei den Angehörigen der Opfer entschuldigt. Auch Justizminister Jaroslaw Gowin entschuldigte sich für die Verwechslung der Leichen. Wie inzwischen bekannt wurde, will die Stanwaltschaft bis Dezember mindestens sechs weitere Exhumierungen durchführen, um bei der Identität der Opfer sicher sein zu können, kündigte Generalstaatsanwalt Andrzej Seremet an.

Die nunmehr zweifelsfreien sterblichen Überreste der Solidarnosc-Veteranin Anna Walentynowicz wurden am Freitag, den 28. September 2012 in Gdansk um 12 Uhr unter großer Teilnehme alter Kampfgefährten beigesetzt.

 

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Über Brigitte Jaeger-Dabek 1450 Artikel
Brigitte Jäger-Dabek kennt Polen seit vielen Jahren und ist als freie Journalistin Polen-Expertin. Sie ist Autorin des preisgekrönten Buchs "Länderporträt Polen".