Polen und das Ende der Ära Erika Steinbach

BdV-Vorsitzende Erika Steinbach Foto: Deutscher BundestagSie war viele Jahre lang das rote Tuch der Polen, die personifizierte Angst vor deutschem Geschichtsrevisionismus und umstrittenste Deutsche, vor allem aber bestgehasste Politikerin in Polen. Dabei kannte die Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen BDV in Deutschland kaum jemand, das änderte sich erst mit dem geplanten „Zentrum gegen Vertreibungen“.

An Erika Steinbach zeigt sich auch die unterschiedliche Sicht auf die Vergangenheit und ihre Bedeutung für Gegenwart und Zukunft. Waren Erika Steinbach und die von ihr vertretenen Positionen in Polen Proteststürme gegen deutsche Revanchismus-Tendenzen wert, rieb sich die deutsche Öffentlichkeit darob nur verwundert die Augen. „Erika wer?“ lautete die Frage, denn der BdV hatte seine politische Bedeutung im Bewusstsein der Deutschen längst verloren. Nun geht ihre Ära als Vorsitzende des BdV nach 16 Jahren zu Ende. Die 71-jährige CDU-Bundestagsabgeordnete teilte in einer Presseerklärung mit, im November bei der Neuwahl nicht wieder kandidieren zu wollen, es sei an der Zeit, das Amt für die neuen Herausforderungen in andere Hände zu legen.

In Polens Medien gab es zahlreiche Reaktionen auf die Ankündigung des Endes der Ära Steinbach. Vor allem an den Kampf um das Zentrum gegen Vertreibungen wurde von den Medien erinnert. In Polen wurde das Reizthema als Relativierung deutscher Schuld am 2. Weltkrieg gewertet und einer Geschichts-Umdeutung hinein in eine deutsche Opferrolle ohne Vorgeschichte gesehen. Das aber habe Steinbach letztlich nicht erreicht, was Angela Merkel zu verdanken sei, schrieb die liberale Tageszeitung Gazeta Wyborcza. Die Kanzlerin habe 2010 dem Dauerstreit ein Ende gemacht indem sie postuliert habe, dass das Gedenken an Flucht und Vertreibung eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe sei, und deshalb in die Hand des Staates gehörte. Die Person Erika Steinbach als Mitglied des Aufsichtsrats verhinderte Merkel ebenfalls, da Steinbach als zu kontrovers gesehen würde. Heute gäbe es dafür zwei polnische Historiker im wissenschaftlichen Beirat der Stiftung. Damals begann der Stern von Erika Steinbach zu sinken, heißt es in der Gazeta Wyborcza in einem Artikel, der lakonisch überschrieben ist: Erika Steinbach geht in Rente.

Die konservative Rzeczpospolita titelt härter: Erikas siegreicher Abgang heißt es dort. Sie könne zufrieden sein, denn sie hinterlasse eine nur überpuderte Version der Geschichte des Dritten Reichs, des Zweiten Weltkriegs und der Folgen, schreibt dort der Historiker Jerzy Haszczynski. Er hatte im Jahr 2000 festgestellt, dass die Vorsitzende des BdV selbst keine Vertriebene ist. Erika Steinbach wurde am 25. Juli 1943 in Rahmel (Rumia) bei Gdynia im damaligen Reichsgau Danzig-Westpreußen geboren und stammte keinesfalls aus einer einheimischen Familie. Ihr in Hessen geborener Vater war als Luftwaffensoldat der deutschen Besatzungsmacht 1941 in den vor dem Krieg zu Polen gehörenden Ort gekommen. Im Januar 1945 flüchtete Erika Steinbach mit Mutter und Schwester in den Westen.

Unvermeidlich in den polnischen Medien war der Hinweis an das wohl am stärksten im gesellschaftlichen Erinnern verankerten Bild von Erika Steinbach, das als Titelbild des Politmagazins Wprost für Aufsehen sorgte: Erika Steinbach auf dem Rücken von Bundeskanzler Gerhard Schröder reitend in SS-Uniform, betitelt „Das deutsche trojanische Pferd“.

Der polnische Historiker und Leiter des Willy-Brandt-Instituts der Universität Breslau / Wroclaw Krzysztof Ruchniewicz brachte es in seinem Blog auf den Punkt. Für Warschau könne sich das als eine gute Nachricht sein. Mit Steinbach nämlich scheide eine Person aus dem Amt, die starke und ausschließlich negative Gefühle in den deutsch-polnischen Beziehungen ausgelöst habe.

Das BdV-Präsidium kürte den CSU-Bundestagsabgeordneten und bisherigen BDV-Vize Dr. Bernd Fabritius aus München zum designierten Nachfolger im Amt des BdV-Vorsitzenden. Fabritius ist Siebenbürger Sachse und Vorsitzender des Verbandes der Siebenbürger Sachsen in Deutschland und des Weltverbands. Fabritius wurde am 14. Mai 1965 in Agnetheln (Agnita), Siebenbürgen geboren, machte in Herrmannstadt (Sibiu) das Abitur und studierte in Deutschland Jura. Fabritius gilt als guter Mediator und ist für seine guten Beziehungen zu Regierungen in Ostmitteleuropa bekannt, besonders zu Rumänien. Fabritius ist Träger des Nationalen Verdienstordens Rumäniens.

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Brigitte Jäger-Dabek kennt Polen seit vielen Jahren und ist als freie Journalistin Polen-Expertin. Sie ist Autorin des preisgekrönten Buchs "Länderporträt Polen".