Polen und die Holocaust-Komplizen-Aussage von FBI-Chef Comey

FBI-Direktor James Comay mit Präsident Obama, Foto: www.fbi.gov, gemeinfrei

FBI-Direktor James Comay mit Präsident Obama,

Gut gemeint ist nicht unbedingt gleich gut gemacht. Diese Erfahrung musste FBI-Chaf James Comey mit Polen machen. Eigentlich wollte der oberste FBI-Mann Gutes tun und alle seine Beamten besser über den Holocaust und dessen Geschichte aufklären. Dazu wollte er sie alle per Dienstanweisung ins Holocaust-Museum schicken, bekundete er als Festredner beim Abendessen für die Spender des Museums.

In seiner am Mittwoch vergangener Woche im Holocaust-Gedenkmuseum Washington gehaltenen Rede hatte Comey vom Täterkreis beim Holocaust gesprochen und Polen zum Komplizen Deutschlands gemacht. Die Mörder aus Deutschland, Polen und Ungarn und vielen anderen Orten hätten ihrer Überzeugung nach nichts Böses getan und hätten gemeint, die Sache, die sie taten sei richtig, weshalb sie es hätten tun mussten, sagte er dort. So richtig in Fahrt kam die Angelegenheit mit den schlampigen und wenig Sachkenntnis befürchten lassenden Aussagen Comeys, als der Redentext unkorrigiert an die „Washington Post“ ging und dort am Tag darauf abgedruckt wurde

Die Regierungen Polens und Ungarns protestierten förmlich gegen Comeys Erwähnung ihrer Länder in solchem Zusammenhang. In Warschau wurde der amerikanische Botschafter ins Außenministerium einbestellt. Der polnische Staatspräsident Komorowski ließ verlauten, aus Comeys Rede sei „Unkenntnis der historischen Tatsachen und vielleicht ein gewisses Element des persönlichen Ressentiments“ zur erkennen. Dass Comey Polen und Ungarn in einem Atemzug mit dem Täterland Deutschland nannte, war unklug und historisch unhaltbar. Eine doppelte Fehlleistung erzeugte dann den diplomatischen Skandal. Der FBI-Direktor drückte sich unscharf aus, und seine Presseabteilung gab eine unkorrigierte Abschrift der Rede an die „Washington Post“, die sie als Artikel abdruckte.

Nun waren die Feinheiten nie wirklich die Sache der US-Bundespolizei, doch seine Aussagen waren dann doch so unglücklich und grob gehauen, dass es aus Polen Proteste hagelte und das Ganze zu einem diplomatischen Eklat führte. Es begann mit dem Tweet des derzeitigen Parlamentspräsidenten Radoslaw Sikorski, der bei Twitter postete, Polen habe als erstes Land gegen Hitler gekämpft und habe als erstes Land Gesandte in die USA geschickt mit der Bitte um Hilfe beim Stoppen der Judenvernichtung.

Die Regierungen Polens und Ungarns protestierten förmlich gegen Comeys Formulierung, die so verstanden werden konnte, dass er Polen und Ungarn in eine unheilige Allianz mit Nazideutschland beförderte, denn er wählte seinen Redetext so, dass sowohl Ungarn als auch Polen eine kollektive Mitverantwortung am Holocaust tragen würden. So erklärte der polnische Präsident Bronislaw Komorowski Comeys Redetext beweise Unkenntnis historischer Tatsachen und womöglich gar Elemente persönlicher Ressentiments. Der polnische Außenminister Grzegorz Schetyna bestellte den amerikanischen Botschafter ein und verlangte eine offizielle Entschuldigung der Vereinigten Staaten.

In Comeys Rede klang es also so, als wären sowohl Polen als auch Ungarn als Staaten sowohl in Planung, als auch in Anordnung und Durchführung des Holocaust beteiligt und habe die Mörder gestellt. Eine solche Formulierung durch einen hochrangigen Regierungsvertreter verstand das politische Warschau dies als Zuweisung kollektiver Verantwortlichkeit für den Holocaust. In Polen gab es wie in allen besetzten Ländern auch Kollaboration und Kollaboranten, die an den Verbrechen teilhatten. Dies ist aber nicht staatlich gelenkt, eine systematische Kooperation hat es in Polen nie gegeben. Auch mit der Rolle der Deutschen nahm Comey es nicht so genau, Täter waren nur die bösen und die ganz bösen Nazis.

Am Mittwochabend ließ Comey dem polnischen Botschafter einen Brief zukommen, in dem er schrieb, er bereue es, in seiner Rede Polen und Deutschland gemeinsam genannt zu haben. Der polnische Staat trägt keine Verantwortung für die Gräueltaten der Nazis, schrieb er weiter. Außenminister Schetyna nahm das Schreiben an und erklärte die Angelegenheit damit für erledigt. Der amerikanische Botschafter Stephen Mull hat inzwischen im polnischen Außenministerium klargestellt, dass die Ansicht, Polen sei in irgendeiner Weise für den Holocaust verantwortlich, nicht der Position der Vereinigten Staaten entspräche.

Es ist nicht das erste Mal, dass sich das politische Warschau über schlampige bis schlicht falsche Aussagen über Polens Rolle während der Besatzung und des Holocausts empört zeigt. Selbst US-Präsident Obama hatte 2012 bei der posthumen Verleihung der Freiheitsmedaille an den polnischen Widerstandskämpfer Jan Karski böse gepatzt und von deutschen Konzentrationslager als „polnischen Vernichtungslagern“ geredet.

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Brigitte Jäger-Dabek kennt Polen seit vielen Jahren und ist als freie Journalistin Polen-Expertin. Sie ist Autorin des preisgekrönten Buchs "Länderporträt Polen".