Polen: Wachstumsmotor Fußball-Europameisterschaft

PGE Arena Gdansk

PGE Arena Gdansk; Foto: Dariusz Boczek,

Die am 8. Juni 2012 beginnende Fußball-Europameisterschaft löste im Nachbarland Polen die größte Investitionswelle der jüngeren Geschichte aus und von diesen Investitionen zur EURO 2012 profitiert das ganze Land.

Neben den Fußballstadien entstehen neue Autobahnen und Bahnverbindungen; die Flughäfen werden erweitert und Bahnhöfe erneuert. Zahlreiche Schlüsselinvestitionen wie das modernisierte Fußballstadion in Poznan (Posen) sowie die beiden neuen Stadien in Gdansk (Danzig) und Wroclaw (Breslau) wurden abgeschlossen. Insgesamt schätzt man den Wert der öffentlichen Investitionen im Vorfeld der EURO 2012 auf rund 25 Milliarden Euro.

Das für 43.000 Zuschauer ausgelegte Stadion in Poznan wurde bereits im September 2010 nach umfangreichen Modernisierungsarbeiten neu eröffnet, in der 44.000 Zuschauer fassenden neuen Danziger PGE-Arena wurde im September 2011 das Länderspiel zwischen Deutschland und Polen ausgetragen. 43.000 Zuschauer finden in der neuen Arena in Breslau Platz, die ebenfalls im September 2011 mit einem Boxkampf zwischen Wladimir Klitschko und Tomasz Adamek eröffnet wurde.

Das neue Warschauer Nationalstadion mit Plätzen für 55.000 Zuschauer ist im Dezember offiziell eröffnet worden; für Februar 2012 sind bereits das Polnische Pokalfinale sowie ein Freundschaftsspiel von Polen gegen Portugal geplant.Das rund 350 Millionen Euro teure Warschauer Stadion liegt zentral im Stadtteil Praga, direkt am Weichselufer. In der unmittelbaren Nähe befinden sich mehrere Straßenbahn- und Buslinienknoten sowie der Haltepunkt „Warszawa Stadion“ der Schnellbahn SKM. Dieser wird derzeit modernisiert, sodass er das erwartete hohe Fahrgastaufkommen während der EM bewältigen kann. Rechtzeitig zum Fußballfest wird auch der etwa 1,5 km vom Stadion entfernte Bahnhof Warszawa Wschodnia (Warschau Ost) für rund 200 Mio. Euro umfassend saniert.

Auch die übrigen Stadien sind sowohl mit öffentlichen Verkehrsmitteln als auch per Pkw gut erreichbar. Die Breslauer Arena befindet sich im Stadtteil Maslice (Masselwitz), direkt an der neuen Innenstadtumfahrung. Bis zur EURO 2012 soll das Stadion an eine neue Linie des Schnellstraßenbahnsystems „Tramwaj Plus“ angeschlossen sein, das große Stadtrandsiedlungen mit dem Zentrum der Oderstadt verbindet. Darüber hinaus soll an der nahe gelegenen Fernbahntrasse ein neuer Bahnhof entstehen. Zum Danziger Stadion im Stadtteil Letnica (Lauenthal) gelangt man vom Hauptbahnhof bequem mit der Schnellbahn SKM sowie der Straßenbahn. Die Arena in Posen ist per Straßenbahn ebenfalls gut an das Zentrum angebunden.

Damit die vielen erwarteten Fans bequem die Spielorte erreichen, werden Flughäfen, Bahn- und Straßenverbindungen ausgebaut. Das 106 km lange Teilstück der Autobahn A2 zwischen dem Grenzübergang Swiecko bei Frankfurt/Oder und der Kleinstadt Nowy Tomysl wird am 30. November offiziell dem Verkehr übergeben. Ab 1. Dezember haben Autofahrer dort frei Fahrt. Die letzten 90 km bis Warschau sollen im kommenden halben Jahr zumindest soweit fertiggestellt werden, dass sie während der EURO 2012 für den Verkehr vierspurig nutzbar sind.

Erst vor wenigen Wochen wurde auch ein wichtiges, 62 km langes Teilstück der Nord-Süd-Autobahn A1 zwischen Grudziadz (Graudenz) und Torun (Thorn) fertiggestellt. Dafür musste unter anderem eine fast zwei Kilometer lange Brücke über die Weichsel gebaut werden. Die Autobahn führt inzwischen auf 152 km Länge von Gdansk (Danzig) nach Torun und verbindet damit zwei wichtige touristische Zentren des Landes. Sie soll ebenfalls bis zum Beginn der Fußball-Europameisterschaft im kommenden Juni verlängert werden und bei Lodz auf die Autobahn A2 stoßen. Dann wären die drei polnischen Austragungsorte der EURO 2012, Warschau, Posen und Danzig, direkt über Autobahnen miteinander verbunden.

Die Autobahn A4, die von Dresden über Görlitz nach Wroclaw und weiter nach Krakow (Krakau) führt, soll bis Mai 2012 die ukrainische Grenze erreichen. Das soll die Fahrt in den Austragungsort Lviv (Lemberg) in der Ukraine erleichtern. Voraussichtlich wird jedoch ein rund 20 km langer Abschnitt hinter Krakau erst nach der EM eröffnet werden. Insgesamt wird Polen in diesem Jahr 238 neue Autobahn-Kilometer in Betrieb nehmen – so viele wie nie zuvor in der Geschichte innerhalb eines Jahres. Zu den neuen Strecken gehört auch die Autobahn A8, die als Umgehung der niederschlesischen Metropole Wroclaw (Breslau) gebaut wurde und den dortigen Flughafen besser anbindet.

Modernisiert werden mit Blick auf die EURO 2012 auch etwa 1.000 Kilometer Schiene. Bereits bis Ende 2010 waren 600 km fertiggestellt. Bis Ende Mai 2012 sollen die übrigen 400 km erneuert sein. Dabei werden besonders die Verbindungen zwischen den Austragungsorten verbessert. Auf der E65 von Warszawa über Gdansk nach Gdynia soll sich rechtzeitig zum Anpfiff die Fahrzeit von knapp sechs auf vier Stunden verkürzen. Ausgebaut wird auch die E59 von Poznan nach Wroclaw. Dort sollen die Züge nach Abschluss der Modernisierungsarbeiten mit einer maximalen Geschwindigkeit von 160 km/h fahren.

Zeitgleich zum Streckenausbau startete die polnische Bahngesellschaft PKP ein großes Programm zur Sanierung von Bahnhöfen. Zu den größten Investitionen gehört die Modernisierung des Breslauer Hauptbahnhofs. Das prachtvolle Gebäude im Tudor-Stil soll rechtzeitig vor der EURO 2012 wieder eröffnet werden. Die Kosten belaufen sich hier auf rund 80 Mio. Euro. Bis Anfang 2012 soll auch der aus den 1970er Jahren stammende Bahnhof Warszawa Centralna modernisiert werden. Im Mai 2011 haben die Bauarbeiten in Posen begonnen. Der neue Bahnhof soll vor dem ersten Spiel der EM fertiggestellt werden, die restlichen Investitionen, darunter ein Einkaufszentrum, sollen bis 2013 abgeschlossen sein.

Viele Flughäfen waren durch ein starkes Wachstum in den letzten Jahren bereits an die Grenzen ihrer Kapazität gestoßen und müssen nicht nur wegen der EURO 2012 erweitert werden. Sie erwarten für 2011 eine neue Rekordzahl von mehr als 22 Mio. Reisenden. Bisher lag die Spitze bei 20,6 Millionen Passagieren im Jahr 2008. Während der EURO 2012 rechnen die polnischen Veranstalter mit einem nie dagewesenen Fluggastaufkommen. So sollen allein zum Eröffnungsspiel in Warszawa bis zu 30.000 Gäste mit dem Flugzeug anreisen.

Der Flughafen in Warszawa-Okecie wird bis 2012 seine Kapazität von zehn auf zwölf Millionen Passagiere erweitern, außerdem soll der Flughafen bis Ende 2011 eine direkte Bahnverbindung in die Innenstadt erhalten. Die Fahrzeit vom Warschauer Zentralbahnhof bis zum Terminal 2 soll dann rund 20 Minuten dauern. In Gdansk wird derzeit ein zweites Terminal gebaut. Das bisherige Abfertigungsgebäude hat bei zuletzt gut zwei Millionen Passagieren seine Kapazitätsgrenze erreicht. Auf dem Airport sollen künftig drei, später fünf Millionen Passagiere abgefertigt werden.

In Wroclaw entsteht eines der größten Passagierterminals in Polen. Das bestehende Terminal wurde bereits erneuert. Ab Ende 2011 soll die Zahl der stündlichen Flugoperationen von 15 auf 30 verdoppelt werden. Auch in Posen soll der erste Teil des neu entstehenden Terminals bereits zur EURO 2012 den Reisenden zur Verfügung stehen. Bis 2015 wollen die polnischen Flughäfen noch mehr als eine Milliarde Euro investieren. Ausgebaut werden auch die Airports in Katowice (Kattowitz) und Krakow (Krakau).

Die bevorstehende Fußball-Europameisterschaft 2012 hat auch den Hotelmarkt in Polen beflügelt. Die von der UEFA vorgegebenen Zahlen von Übernachtungsplätzen werden bereits jetzt in allen vier polnischen Austragungsorten überschritten. Weitere Hotels sollen bis 2012 öffnen. Insgesamt soll es dann rund 2.100 Hotels in Polen geben, das wären etwa 40 Prozent mehr als noch 2006.

Über Brigitte Jaeger-Dabek 1501 Artikel
Brigitte Jäger-Dabek kennt Polen seit vielen Jahren und ist als freie Journalistin Polen-Expertin. Sie ist Autorin des preisgekrönten Buchs "Länderporträt Polen".