Polen: Zahl der Kirchgänger schrumpft

Immer weniger Sonntags-Kirchgänger in Polen, Foto: B.Jäger-Dabek

Obwohl Polen stark katholisch geprägt (Nach off. Statistiken gehörten 2011 ca. 87,2 % der Polen der röm-kath. Kirche an) und das Heimatland des gerade heiliggesprochenen Papstes Johanness Paul II. ist, gehen immer weniger Polen sonntags regelmäßig in die Kirche, teilt das Statistikamt der katholischen Kirche Polens (ISKK) mit. Demnach besuchen nur noch 39,1% der Katholiken jeden Sonntag die Heilige Messe. Das aber bedeutet, dass mehr als 60% der Polen keine praktizierenden Katholiken mehr sind, denn sie halten eines der wichtigsten Kirchengebote, die „Sonntagspflicht“, also die Teilnahme an der sonntäglichen Heiligen Messe nicht mehr ein. Dies ist das Ergebnis einer im vergangenen Oktober Befragung von 10.000 polnischen Kirchengemeinden.

Seit Jahren kritisieren immer mehr Polen die Erstarrung der Kirche und deren Beharren auf Positionen, die sich vom Leben der Gläubigen immer weiter entfernen. Dazu kommt das Unverständnis über den Umgang mit innerkirchlicher Kritik und Opposition auch von Geistlichen. Ferner haben auch in Polen Missbrauchsskandale das Vertrauen in die Kirche erschüttert und immer mehr Polen missbilligen die Versuche der Kirche immer wieder Einfluss auf die Politik zu nehmen. Außerdem geben immer mehr Katholiken in Polen an, sonntags mehr Zeit für die Familie, Ausflüge, oder andere Freizeitaktivitäten wie Sport oder Veranstaltungsbesuche und die Teilnahme am kulturellen Leben haben zu wollen.

Nach Meinung vieler Polen hat das zum Absinken der Kirchgängerzahlen auf 39,1% im Landesdurchschnitt geführt, dem bisherigen historischen Tiefstand der seit 1980 jährlich stattfindenden Gemeindebefragung. Waren es im Jahr 1982 noch 57% der Katholiken, so blieb der Wert 1990 zum letzten Mal bei über 50%. Mit den heutigen 39,1% liegt Polen zwar europaweit noch immer auf Platz 2 – nur Malta kann mehr Teilnehmer an der Heiligen Messe verzeichnen – während ein ebenfalls sehr katholisch geprägtes Land wie Irland knapp hinter Polen liegt.

In Polen gibt es bei der Quote der sonntäglichen Kirchgänger regional große Unterschiede einmal zwischen den Bistümer und auch zwischen Stadt und Land. In Großstädten wie Danzig, Breslau oder Warschau nur 30-35 Prozent der dortigen Gemeindemitglieder sonntags zur Kirche gingen. Ganz anders auf dem Land, wobei sich die süd- und südostpolnischen Woiwodschaften mit Werten von bis zu 70% als besonders kirchentreu zeigten. So war die Diözese Tarnow in Südpolen mit 69% Kirchenbesuchern der landesweite Spitzenreiter, während die Erzdiözese Szczecin-Kamien Pomorskie (Stettin-Cammin) mit 24,3% das Schlusslicht bildete.


 

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Brigitte Jäger-Dabek kennt Polen seit vielen Jahren und ist als freie Journalistin Polen-Expertin. Sie ist Autorin des preisgekrönten Buchs "Länderporträt Polen".