Schiffe fahren über Land – Masuren ist anders

Auf dem Oberlandkanal fahren Schiffe über Land

Oberlandkanal Masuren; Foto: B.Jäger-Dabek,

Gleichmäßig ratternd kommt der kleine weiße Ausflugsdampfer den Berg heraufgefahren, etwas ächzend, denn es ist mühsam, die Steigung zu bewältigen.

Unten reicht das Wasser bis zum Rand der Steigung. Oben auf dem Hügel,  wo die Steigung hinter der Kuppe flach ausläuft kommt wieder Wasser. Dazwischen liegt ein steiler grüner Hügel.

Erst wenn das Schiff ganz nahe ist, erkennt man den flachen Wagen, auf dem es steht und das Drahtseil, von dem er gezogen wird. Mit gelangweilter Selbstverständlichkeit gleitet das Schiff hinter der Kuppe ins Wasser, nach ein paar Metern nur schwimmt es wieder. Der Maschinist wirft die Maschine an, wirft die Leinen los und gleichmütig tuckert das Schiff auf dem Kanal davon, als ob es das natürlichste auf Erden wäre.

Ein merkwürdiger Kanal
Ein sonderbarer Wasserweg – mal fährt das Schiff auf einem Kanal, mal durchquert es einen See, dann wird es geschleust und mehrfach führt die Route über Land. Eine in Europa einmalige Attraktion ist der Elblag – Ostroda- Kanal (Kanal Ostródzko-Elblaski), wie er heute heißt. Früher, als diese Region noch Ostpreußen hieß, nannte man ihn Oberlandkanal nach der Landschaft, die er durchquert.

Knapp 200 Kilometer lang ist die Wasserstraße, wovon aber nur knapp 50 Kilometer auf den Kanal selbst entfallen, die restliche Strecke führt durch Seen.

Das Besondere an diesem Kanal ist aber nicht das Wasser, Kanäle gibt es schließlich überall. Außergewöhnlich sind die Strecken, auf denen die Schiffe über Land fahren, sind diese auch Rollberge genannten schiefen Ebenen.

Auf Schienen laufende Wagen ziehen hier die Schiffe über Land, ganz ohne Strom oder Maschinenkraft, ausschließlich durch die Kraft des Wassers – ein überaus umweltfreundliches Prinzip und fast ein Perpetuum mobile.

Wozu das nötig ist? Der Höhenunterschied zwischen den beiden Endpunkten Elblag und Ilawa beträgt 104 m und wird durch dieses System von zwei Schleusen und fünf geneigten Ebenen ausgeglichen.

Dieses europaweit einmalige technische Baudenkmal wurde Mitte des letzten Jahrhunderts vom Königsberger Baurat Steenke geplant und erbaut. Eröffnet wurde der Kanal 1860. Mit Anschluss Ostpreußens an das sich schnellausbreitende Eisenbahnnetz verlor er jedoch bald seine wirtschaftliche Bedeutung. Schon vor dem Zweiten Weltkrieg war er so das, was er noch heute ist: eine Attraktion für Touristen.

Schiffstour auf dem Kanal Ostródzko-Elblaski
Die Fahrt auf dem Kanal mit einem der speziell für die Verhältnisse dieses Wasserweges gebauten kleinen Passagierschiffe gleicht einer Reise in eine ganz andere Welt, eine Naturwelt, die aus einer anderen Zeit zu kommen scheint.

Urwaldbesäumte Kanalufer rechts und links, längst von der Natur zurückerobert. Lautlos schließen sich die vom gelassen tuckernden Schiff durchteilten gelben Mummelfelder wieder. Malerische Seen mit verschwiegenen Buchten werden durchfahren, ganz selten nur menschliche Spuren, wenn der Blick sich weitet und die ursprüngliche Landschaft den Blick frei gibt auf ein von fetten, sattgrünen Wiesen umgebenes verschlafenes Dorf, oder wenn ein Segelboot entgegenkommt. Ein Paradies für Wasservögel aller Art, eine Fahrt zum Träumen durch ein verwunschenes, aus der Zeit gefallenes Land.

Während der Sommersaison vom  1.5.- 30.9.kann man die knapp hundert Kilometer lange Strecke Ostroda – Elblag (13 Std.) mit den Schiffen der Zegluga Ostrodzko-Elblaska im Rahmen einer Tagestour befahren. Zurück kommt man bequem mit dem Bus der Reederei. Es ist dies der interessanteste Teil des Kanals, an dem sowohl die schiefen Ebenen liegen als auch eine weitere Attraktion bei Elblag, der Druzno – See (Drausensee). Dieser See, ein Naturschutzgebiet, ist der Rest einer Bucht des Frischen Haffs, die vor Jahrhunderten trocken gelegt wurde. An seiner tiefsten Stelle ist der Drausensee nur 2,5 m tief. Eher einem verlandenden Sumpf gleichend fällt er in regenarmen Sommern bis auf ein paar Wasserrinnen trocken und ist ein Paradies für zahlreiche Vogelarten.

Wer die Zeit für die ganze Schiffstour von Ostroda nach Elblag nicht aufbringen kann, hat auch vom Land aus die Möglichkeit, die geneigten Ebenen einmal anzusehen und sich die Funktionsweise an Ort und Stelle erklären zu lassen. Am besten zugänglich sind die Ebenen in Maldyty und Caluny Nowe.

Überaus lohnend ist das ganze Revier auch für Kanuten. Der Wasserweg ist durchgängig für Segelboote, Kanus und Kajaks befahrbar, auch Sportboote werden  über die schiefen Ebenen gezogen. Einige Teile des Systems sind ihnen sogar vorbehalten, wie der Abschnitt Ostroda – Stare Jablonki (17 km), Paddelboote können vielerorts ausgeliehen werden.

Ostroda an den fünf Seen
Das malerisch inmitten von fünf Seen gelegene Städtchen Ostroda ist mit seinen rund 35 000 Einwohnern das Zentrum der Region und nicht nur Startpunkt der Kanaltour, sondern auch ein gutes Standquartier für den Touristen. Hier gibt es Hotels und Privatunterkünfte sowie eine bereits brauchbar gediehene touristische Infrastruktur.

Die Stadt hat in den Wirren des Krieges Anfang 1945 besonders gelitten und lag in der Zeit bis zur politischen Wende 1989 wie in Agonie. Inzwischen ist es gelungen, das unweit des Jezioro Drweckie/Drewenzsees liegende Schloss von 1329 wieder aufzubauen und mit Leben zu erfüllen. Im Schloss ist ein Regionalmuseum untergebracht, das die Geschichte der Region vermittelt – auch die deutsche. Weiterhin wird das gotische Backsteingebäude als kulturelles Zentrum genutzt. Im neuen Musiksaal finden gerade in den Urlaubsmonaten regelmäßig Konzerte statt.

Besonders aber die vollständig renovierte Uferpromenade am Drwecko-See (Drewenzsee) und der schöne neuen Seesteg mit Pavillon laden zum bummeln und verweilen auf den zahllosen Bänken. Hier spielt sich im Sommer, vor allem an den Sommerabenden das Leben ab, viel Live – Musik, Kleinkunstveranstaltungen- ein fast mediterranes Ambiente.

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>> Mehr über das Ermland und Masuren lesen Sie im “Ermland-Masuren Journal”.

 

Über Brigitte Jaeger-Dabek 1459 Artikel
Brigitte Jäger-Dabek kennt Polen seit vielen Jahren und ist als freie Journalistin Polen-Expertin. Sie ist Autorin des preisgekrönten Buchs "Länderporträt Polen".