Wroclaw: Breslau auf der Überholspur ins Kulturhauptstadtjahr 2016

Wroclaw Kulturhauptstadt Europas 2016, Breslauer Dominsel, Foto: © Poln. Fremdenverkehrsamt

Wroclaw (Breslau)will bekannter werden, darum soll die Zahl der Besucher und Touristen von drei auf sechs Millionen im Jahr verdoppelt werde – ein ehrgeiziges Zieleverfolgt Wroclaw (Breslau) damit für das Jahr 2016, in dem die Stadt an der Oder europäische Kulturstadt ist. Spektakuläre Projekte sollen den Ruf als junge, dynamische Stadt unterstreichen und die Lust der Breslauer und ihrer Besucher auf sehenswerte Kultur wecken.

Zu den acht Kuratoren, die das künstlerische Programm für das Kulturhauptstadtjahr 2016 vorbereiten, gehört der britische Regisseur Chris Baldwin. Er zeichnet für mehrere Großprojekte verantwortlich, mit denen er an die wechselvolle Geschichte der Stadt im 20. Jahrhundert anknüpfen und die Bevölkerung einbeziehen will. Bereits am 21. Juni 2015 wird er mit einer großen Performance unter dem Titel „Brücken bauen“ auf das Kulturjahr einstimmen. Ein Teil der mehr als 160 Brücken der Oderstadt soll dann für einen Tag in Kunsträume verwandelt werden. Junge Leute aus der Stadt und Umgebung können dafür ihre Ideen einreichen. 35 Vorschläge werden in einem Wettbewerb ausgewählt und mit Unterstützung professioneller Künstler umgesetzt. Beteiligen sollen sich auch junge Leute aus Ländern, die mit der Geschichte der Stadt verbunden sind, also aus Deutschland, der Ukraine, Tschechien oder Israel. Brücken zu bauen zwischen der Geschichte und Gegenwart sowie zwischen den Nationen, das ist das Ziel der Veranstaltung.

Eröffnungsveranstaltung in der Planung

Auf die jüngere Geschichte der Stadt nimmt auch die Eröffnungsveranstaltung Bezug, die unter dem Titel „The spirits of Wroclaw“ steht. Neun Monate lang werden Künstler mit Gruppen aus der Bevölkerung vier animierte, 12 Meter hohe Objekte bauen, die sich am Eröffnungstag aus verschiedenen Richtungen auf das Stadtzentrum zubewegen sollen. Wenn die vier Objekte dort aufeinandertreffen, soll erkennbar werden, wie sie zusammengehören. Unter dem Titel „Fluss“ steht eine große Performance, mit der im Juni 2016 auf dem Wasser und an den Ufern der Oder die Geschichte der Stadt im 20. Jahrhundert thematisiert werden soll. „Sky Web“ heißt die Abschlussveranstaltung im neuen Breslauer Fußballstadion, bei der Baldwin mit Musik, Theater und Akrobatik einen Ausblick auf die Zukunft der Stadt geben will.

Musik an der Oder

Agnieszka Franków-?elazny, die unter anderem den Chor des Polnischen Rundfunks leitet, ist für das Musikprogramm des Kulturjahrs verantwortlich. Sie bereitet mehr als 70 Projekte aus unterschiedlichen Genres wie Klassik, Jazz oder Rockmusik vor, bringt mit dem Projekt „Singing Europe“ junge Musiker aus ganz Europa zusammen und will auch die Bevölkerung und die Besucher zum Mitsingen animieren. Reguläre Festivals wie „Jazz an der Oder“ oder die Wratislavia Cantans sollen in das Programm des Kulturjahrs integriert werden. Für den Bereich Oper ist die Breslauer Intendantin Ewa Michnik verantwortlich, die unter anderem mit einer Zarzuela im Breslauer Fußballstadion die Brücke nach San Sebastián, der zweiten Kulturhauptstadt des Jahres 2016, schlagen will. Rund 1.000 Künstler sollen daran teilnehmen. Weitere Kuratoren widmen sich den Themen Film, Literatur, Theater und Bildende Kunst.

Schwerpunkt Architektur

Einen großen Stellenwert im Programm der Kulturhauptstadt hat die Architektur. Kurator Zbigniew Ma?ków, ein renommierter Breslauer Architekt, knüpft mit dem Projekt WuWa2 an die große Werkbundausstellung Wohnung und Werkraum (WuWa) im Jahr 1929 an. In der unweit der Jahrhunderthalle gelegenen WuWa-Siedlung setzten verschiedene Architekten damals ihre Vision des modernen funktionalistischen Bauens um. Zu den bekanntesten Bauwerken dort gehört das Ledigenheim von Haus Scharoun. Die Siedlung, deren Gesicht sich im Laufe der Jahrzehnte verändert hat, soll nun im historischen Stil erneuert und für Besucher besser erschlossen werden. Private Eigentümer der Wohnhäuser erhalten 70 Prozent Zuschuss von der Stadt, wenn sie die Häuser entsprechend der Anforderungen des Denkmalschutzes sanieren. Ein 2006 abgebrannter Kindergarten wurde bereits mit Mitteln des Architektenverbandes wiederaufgebaut und wird jetzt als Kulturzentrum mit dem Schwerpunkt Architektur genutzt.

Zugleich will Breslau ein neues Kapitel Baugeschichte schreiben und stellt dafür erneut die Frage, wie modernes Bauen in der heutigen Zeit aussehen kann. Die Siedlung Nowe ?erniki soll nachhaltig und ökologisch entstehen, Antworten auf die Entwicklung der Gesellschaft, den demografischen Wandel und neue Formen des Zusammenlebens geben. Insgesamt 44 Architekturbüros aus dem ganzen Land haben ein Jahr lang intensiv an einem Masterplan gearbeitet, die ersten internationalen Wettbewerbe wurden bereits initiiert. Anders als bei manchen anderen Bauprojekten soll die erforderliche Infrastruktur bereits vorhanden sein, wenn die ersten Wohnungen bezogen werden. Die ersten 2.000 bis 3.000 Menschen könnten zum Ende des Kulturhauptstadt-Jahres bereits in Nowe ?erniki leben, etwa 10.000 Einwohner sollen dort am Ende Platz finden, meint Zbigniew Ma?ków.

Bauprojekte zu Kulturhauptstadtjahr

Weitere Bauprojekte markieren Meilensteine auf dem Weg zur Kulturhauptstadt. Im vergangenen Jahr wurde bereits das neue Musiktheater Capitol fertiggestellt. Im Herbst 2015 soll das neue Nationale Musikforum zwischen Königsschloss und Oper mit seinen vier Konzertsälen eröffnet werden. Mit dem spektakulären Bauwerk will Breslau sich endgültig in der ersten Liga der europäischen Musikstädte etablieren. Im großen Saal mit seinen 1.800 Plätzen soll während des Kulturjahrs 2016 auch die Gala zur Verleihung des Europäischen Filmpreises gefeiert werden.

Gleich neben dem Musikforum entsteht im ehemaligen Südflügel des Königsschlosses ein Theatermuseum, in dem insbesondere an das Wirken zweier bedeutender, mit Breslau verbundener Theaterkünstler erinnert werden soll. Präsentiert wird das Lebenswerk von Henryk Tomaszewski, des ehemaligen Intendanten des Breslauer Pantomimentheaters, sowie von Jerzy Grotowski, des Gründers des Theaters Laboratorium. Ein weiteres Museum ist dem polnischen Nationalepos Pan Tadeusz von Adam Mickiewicz gewidmet, dessen Original sich im Breslauer Ossolineum befindet. Ein ehemaliges Straßenbahndepot außerhalb der Altstadt, in dem 1980 die Proteste der freien Gewerkschaft Solidarno?? ihren Anfang hatten, wird als Zajezdnia-Zentrum künftig Platz für Ausstellungen, Konzerte und andere große Events bieten. Als größtes Kino des Landes entsteht das „Nowe Horyzonty“, das nicht nur Spielort für das gleichnamige Festival sein wird, sondern auch im Rest des Jahres anspruchsvolle Filmkunst zeigen soll.

Zeitgenössische Kunst und der alte Bunker Bunker

Der ehemalige Weltkriegsbunker aus dem Jahre 1942 ist in der niederschlesischen Hauptstadt Wroclaw (Breslau) eine der ersten Adressen für zeitgenössische Kunst geworden. Der Rundbau, der äußerlich eher einem Sakralbau gleicht, befindet sich westlich des Stadtzentrums am plac Strzegomski 2a. Seit Ende 2011 wird dort Kunst ausgestellt. Zugleich will das Muzeum Wspólczesne (Museum für zeitgenössische Kunst) aber auch die Kunst zu den Menschen bringen und organisiert deshalb verschiedene Lesungen, Workshops und soziale Projekte in dem Viertel mit einer schwierigen Sozialstruktur. Die fünf Etagen des Rundbaus beherbergen verschiedene Ausstellungen. Im Erdgeschoss ist eine Dauerausstellung mit Arbeiten des im Jahr 2000 verstorbenen Konzeptkünstlers Jerzy Ludwi?ski zu sehen, der in den 1960er und 1970er Jahren in Breslau wirkte. Eine weitere aktuelle Ausstellung unter dem Titel „Die Avantgarde applaudiert nicht” erinnert bis Anfang Dezember an die Ende der 1970er Jahr in Breslau tätige „Neue Kunstgalerie” und stellt Arbeiten des mit ihr verbundenen Breslauer Künstler Romuald Kutera vor. Die obere Etage hält Kojen bereit, in denen junge Künstler aus der Stadt und Region ihre Arbeiten präsentieren. Auf dem Dach des Bunkers gibt es ein Café mit einer großen Aussichtsterrasse. Durch einen Fahrstuhl ist das Bauwerk auch für Behinderte zugänglich.

Eine weitere Filiale des Museums für zeitgenössische Kunst soll nach der Sanierung schon im kommenden Jahr in den von Hans Poelzig entworfenen Pavillon neben der Jahrhunderthalle einziehen und bis Ende 2016 dort bleiben. Perspektivisch soll für das Museum ein Neubau neben dem Panorama von Raclawice im Stadtzentrum entstehen.

Quelle: Polnisches Fremdenverkehrsamt

 

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Brigitte Jäger-Dabek kennt Polen seit vielen Jahren und ist als freie Journalistin Polen-Expertin. Sie ist Autorin des preisgekrönten Buchs "Länderporträt Polen".