EDITORIAL: Deutsch-Polnisches und die Causa Steinbach

Das Polen Magazin Editorial

Liebe Leserinnen, liebe Leser

es war das erste Editorial mit dem Thema Herta Müller und die Rzeczpospolita, das rasch zu einem der meistgelesenen Artikel des Polen Magazins avancierte. Ähnlich oft angeklickt wurde die Artikelserie über Erika Steinbach, die Präsidentin des Bundes der Vertriebenen BdV, und die Polen.

Das zeigt nicht nur, dass Deutsch-Polnisches die Leser besonders interessiert, es demonstriert aber genau wie die Reaktionen aus Polen, wie sehr die schmerzliche Geschichte bis heute unser Miteinander in Europa noch immer beeinflusst. Zuweilen tut sie das so sehr, dass sie eine hohe Hürde für die gemeinsame Zukunft in Europa wird.

Das passiert in Polen immer dann, wenn der Name Erika Steinbach fällt. Was aber erwartet man nach der unseligen Vergangenheit, wenn eine Person plötzlich großen Einfluss auf unsere eigene deutsche Geschichtsdarstellung bekommt, die Polen nicht in der EU sehen mochte und auch seine Grenzen nicht akzeptieren wollte? Wie soll man einander alles sagen können – wie Jan Jozef Lipski es forderte – wenn es bei allen Verlautbarungen Erika Steinbachs und des BdV nicht um Verzeihen geht, um Empathie dem anderen gegenüber? Damit wäre in erster Linie die Bitte um Verzeihung von deutscher Seite aus gemeint. Die Polen haben nicht darum gebeten, dass man ihr Land überfällt und einen Rassenkrieg beginnt. Alles, was dann kam, war die Folge deutscher Taten, und dazu gehören auch Flucht und Vertreibung. Auch die Polen warten auf ein Wort des Mitgefühls, sie waren schließlich die ersten Vertriebenen dieses Krieges, gleich nach den deutschen Juden und am Ende des Mordens wurden auch Polen ihrer Heimat beraubt und es gibt “Russlandpolen”, die bis heute unter den Folgen von Krieg, Verschleppung und Vertreibung leiden. Wo bleibt die Empathie des BdV und Erika Steinbachs hier? Nicht umsonst löst der Name Erika Steinbach noch heute bei 38% der Polen Ängste aus.

Wie leicht in Polen alte Ängste zu instrumentalisieren sind, machte die unselige Debatte in den polnischen Medien deutlich, als es um den Literaturnobelpreis für Herta Müller ging, den manche polnischen Journalistenkollegen als einen Preis für Erika Steinbach sahen. Und das, obwohl Herta Müller Opfer ist und sonst nichts. Wir Nachkriegsgeborenen sind sicher nicht schuldig an dem, was zur Nazizeit geschah, was Deutsche an Verbrechen begingen. Aber wir tragen die Verantwortung dafür, dass so etwas nie wieder passieren kann, eine Verantwortung übrigens, zu der Herta Müller immer stand.

In Polen sind die Verletzbarkeiten also noch immer groß, auch wenn gerade die Deutschen Polens wichtigster Partner und Fürsprecher auf dem Weg in die EU waren. Dennoch ist in Polen die Bereitschaft längst groß, nicht nur deutsches Bemühen anzuerkennen, sondern sich auch mit der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen. Längst wurde in Polen von wypedzenie – Vertreibung geredet, und nicht mehr von wysiedlenie – Aussiedlung. Kein Ernst zu nehmender polnischer Politiker bestreitet, dass es auch Deutsche gab, die unschuldig litten, als der Krieg nach Deutschland zurückkehrte.

Ein wirklicher Dialog ist in Gang gekommen. Deutsche Anwesenheit an Gedenktagen wie dem 1. September 1939 ist selbstverständlich geworden und Angela Merkels brillante Rede an diesem Tag wurde auch in Polen viel gerühmt.

Auch sind wir wie ganz normale Nachbarn und Partnerländer auf dem guten Weg zu beginnen darüber zu reden und wenn nötig zu streiten, worüber auch andere Nachbarn sich auseinandersetzen: die Zukunft.

Den Versöhnungsprozess in diesem Sinne aber zum Fundament einer verlässlichen Freundschaft werden zu lassen, wird mit Funktionsträgern wie Erika Steinbach nicht gelingen. Bei allem nötigen Respekt vor der Person Erika Steinbach: Sie würde ihrem Land und ihrer Sache am meisten damit dienen, wenn sie verzichten und ihren Sitz einem kompetenten Wissenschaftler überlassen würde. Das Beharren auf einem Sitz im Stiftungsrat des Zentrums gegen Vertreibungen ist sicher kein Demokratietest, der Verzicht aber wäre verdienstvoll und ein Zeichen politischer Reife. Täte Erika Steinbach das, würde sie ihrem Land einen Dienst erweisen.

Wir brauchen Brückenbauer im Dialog mit Polen!

In diesem Sinne, Ihre / Eure


Brigitte Jäger-Dabek

Ps.: Das Polen Magazin hat neue Kleider bekommen. Nach fast einem Jahr wurde das alte Gewand zu klein. Mit dem neuen, professionellen WordPress-Theme hoffen wir, allen Anforderungen eines modernen Magazins gerecht zu werden.

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Brigitte Jäger-Dabek kennt Polen seit vielen Jahren und ist als freie Journalistin Polen-Expertin. Sie ist Autorin des preisgekrönten Buchs "Länderporträt Polen".