Danzig – Auferstanden aus Ruinen

Krantor In Danzig (Gdansk)Danzig heute, strahlend schön, die pure Ästhetik, ein Kleinod der in eigene städtebauliche Künste verliebten Denkmalsschützer? Ein gigantisches Freilichtmuseum? Eine einzige überdimensionale Werbebühne für polnische Restaurationskunst, der Kunst mit knappen Mitteln aus fast Nichts eine ganze Stadt neu zu erschaffen?  Nein, auch wenn dieser Vorwurf von Zeit zu Zeit immer mal wieder laut wird. Man übersieht dabei auch, wie diese zu über 90% zerstörte Stadt nach dem Krieg wieder aufgebaut wurde und welche Alternativen es gab.

Kraftakt Wiederaufbau

Die Stadt lag in Schutt und Asche, die Bevölkerung wurde fast komplett ausgetauscht. Die radikale Alternative, ein neues Gdansk an der Ostsee zu bauen und die Trümmer als Mahnmal liegen zu lassen, fand kaum Anhänger. Auch der Mittelweg, die Trümmer einzuebnen und auf den planierten Ruinen eine völlig neue Stadt zu erbauen, traf kaum auf Gegenliebe. Nicht einmal hartgesottene Kommunisten konnten sich mit dem sowjetischen Vorbild Kaliningrad anfreunden. Was für ein Segen!

Es war keinesfalls ein von staatlichen Stellen aufoktroyierter Gewaltakt, dieser unvorstellbar mühsame Aufbau, ohne Geld, ohne Material, ohne Maschinen, dieses Zusammenklauben auch winzigster Reste aus gigantischen Trümmerbergen, dieses Suchen nach Plänen, Dokumenten, Abbildungen in Haufen durch die Schuttwüste flatternden, angesengten Papiers. Die Euphorie dieser ersten Nachkriegsjahre in Polen, diese Art von Pioniergeist der neu in die ehemals deutschen Gebiete strömenden Menschen, dieser unbändige Wille zum Neuanfang und zum Wiederaufbau machte diese Leistung erst möglich.

Das neue Danzig wurde nie als Museum der Städtebaukunst geplant. Hinter den historischen Fassaden sollte das Proletariat wohnen und so geschah es auch. Auch heute noch leben „kleine Leute“ im Zentrum dieser Stadt, wenn auch im Zeitalter der Marktwirtschaft die Verdrängung der weniger kapitalkräftigen Bewohner längst eingesetzt hat. Ein alter Vorwurf stimmt allerdings: es gibt in der Altstadt zu viele Wohnungen von Menschen, die hier nicht arbeiten und zu wenig Geschäfte sowie Dienstleistungseinrichtungen für die Bewohner, arbeiten und einkaufen müssen die hier lebenden Menschen woanders.

Nach der Wende von 1989

Der Prozess des Umlernens der Geschichte nach der politischen Wende fiel den heutigen Danzigern nicht weniger schwer als anderen Polen. Mittlerweile ist der Schock der Erkenntnis überwunden, dass etliche der wiedergewonnenen Gebiete wie Ostpreußen und auch Danzig tatsächlich jahrhundertelang deutsch besiedelt waren. Zwei Danziger stehen für den neuen Umgang mit der gemeinsamen leidvollen Vergangenheit: Günter Grass und Donald Tusk. Beide mit kaschubischen Wurzeln, beide in die Geschichte verstrickt, Grass als jugendlicher Angehöriger der Waffen-SS, Tusk mit dem Großvater, dessen Zwangseinziehung zur Wehrmacht ihn noch vor wenigen Jahren den Wahlsieg gegen seinen Kontrahenten J. Kaczynski kostete. Mit beiden gingen die heutigen Danziger souverän um, verziehen Grass und wehrten sich gegen die Urteile der Kaczynski-Brüder.

Man setzt in Danzig längst auf die EU, hofft dass mit dem Europa der Regionen die Bedeutung der Nationalität zweitrangig wird. Inzwischen geht man locker und entspannt mit der deutschen Vergangenheit Danzigs um.

Weltoffenheit hat in Danzig Einzug gehalten in den letzten Jahren, Internationalität ist Alltag geworden, babylonisches Sprachgewirr während der touristischen Hauptsaison normal. Noch vor ein paar Jahren hörte man auch sommers nur zwei dominierende Sprachen in der Stadt, Polnisch und Deutsch, ausländische Touristen kamen hauptsächlich in Gestalt der Heimattouristen vor, von ein paar Skandinaviern auf Duty Free-Tour mal abgesehen. Spätestens seit der Tausendjahrfeier jedoch hat die Welt Danzig entdeckt, der Tourismus boomt, der Aufbau der Infrastruktur kann damit nur mühsam Schritt halten.

Reisen nach Danzig:

Über Brigitte Jaeger-Dabek 1468 Artikel
Brigitte Jäger-Dabek kennt Polen seit vielen Jahren und ist als freie Journalistin Polen-Expertin. Sie ist Autorin des preisgekrönten Buchs "Länderporträt Polen".