Polen in Mitteleuropa

Polen ist ein Land der Widersprüche, das war es eigentlich immer in seiner Ge-schichte. Einst ein mächtiger Gegner, der letztlich den Deutschen Orden in die Knie zwang, als man die heidnischen Litauer christianisiert und durch Heirat und Personalunion an Polen gebunden hatte, worauf das polnische Nationalepos Pan Tadeusz von Adam Mickiewicz mit den Worten „Litauen mein Vaterland“ begann.

Später ging die Macht der Adelsrepublik an zu viel Mitbestimmungsrechten des Einzelnen nieder. Die Zerstörung der staatlichen Existenz verstärkte die nationale Identität eher, als dass sie durch Assimilation schwand. Der Glaube vor allem war in den langen Jahren der Unterdrückung das einigende Band der Polen und ihr ein-ziger Schutzraum gegen die Willkür der Besatzer. Es bildete sich eine nationalisti-sche Kirche heraus, wie in keinem anderen Land, und diese Kirche setzte sich für die Gläubigen ein und stand auf der Seite der Unterdrückten. Daher galt bald die Gleichung polnisch ist, wer katholisch ist, das war sogar in den Zeiten des Kriegs-rechtes so, besonders seit 1978 ein Polen Papst wurde, und so ist bis heute.

Fast paradox mutete an, dass die kommunistische Herrschaft katholische Feiertage und fast noch schlimmer privaten Landbesitz und eine Landwirtschaft dulden musste, die zu über 80 % privat war.

Heute erarbeitet die früher verächtlich so genannte „polnische Wirtschaft“ traum-hafte Zuwachsraten und hat andererseits eine in Teilen noch immer fast archaische Landwirtschaft, obwohl es als EU-Musterschüler mit Macht in die EU strebt.

Fängt Osteuropa noch immer östlich der Oder an?
Gehört Polen deswegen aber auch zu Mitteleuropa? Fängt nicht an der Oder Ost-europa an, unbekannt und in jeder Hinsicht weit von uns entfernt?

Der polnische Schriftsteller Stanislaw Jerzy Lec, ein Aphoristiker von Weltrang brachte das Problem der verschiedenen Sichtweisen auf den Punkt: Polen nannte man im Westen den Osten und im Osten den Westen.

Mit Polen fängt nicht Osteuropa an, mit Polen endet Mitteleuropa.

Obschon Polens staatliche Existenz bis auf die Episode der Zweiten Republik in der Zwischenkriegszeit seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert bis nach dem Zwei-ten Weltkrieg zerstört war, blieb die polnische Identität erhalten. Mit dieser Identi-tät erhalten blieb auch die Kontinuität polnischer Traditionen und die Kultur.

Gerade diese Kultur hat sich nie von Europa verabschiedet, betrachtete sich selbst immer als integralen Bestandteil Mitteleuropas. In Polen selbst sah man die Grenze des mitteleuropäischen Kulturraums an der eigenen Ostgrenze. Diese kulturelle Grenze sah man aber nicht wie das oft im Westen geschieht durch die Zugehörig-keit zum indogermanischen oder slawischen Herkommen definiert.
Für das eigene Selbstverständnis gehörte Polen als fast rein katholisches, nach Rom orientiertes Land zum westlichen Kulturkreis, während die Russen im Osten dem orthodoxen Glaubensraum zuzuordnen waren.

Außerdem bedienten sich die Polen immer des lateinischen Alphabets, während ih-re östlichen Nachbarn kyrillisch schrieben.

Hierin sehen die Polen eine weitere Untermauerung ihres Standpunktes, die Tren-nung zwischen Mittel- und Osteuropa liege an der Grenze zwischen West- und Ostslawen, was aber in erster Linie zivilisatorisch und nicht ethnisch bedingt sei, daran habe auch die jahrzehntelange zwangsweise Eingliederung in den Ostblock nichts geändert.

(c) Brigitte Jäger-Dabek

Wiederveröffentlichung oder Verbreitung der Inhalte dieser Seiten nur mit ausdrücklicher schriftlicher Genehmigung.

Über Brigitte Jaeger-Dabek 1469 Artikel
Brigitte Jäger-Dabek kennt Polen seit vielen Jahren und ist als freie Journalistin Polen-Expertin. Sie ist Autorin des preisgekrönten Buchs "Länderporträt Polen".