1. September 1939: 75. Jahrestag des Überfalls auf Polen

Kapitulation auf der Westerplatte; Foto: public domain

Am heutigen 1. September jährt sich der Beginn des Zweiten Weltkriegs und damit der Überfall auf Polen zum 75. Mal. Ganz Polen steht deshalb heute ganz im Zeichen dieses so wichtigen und schmerzbeladenen Jahrestags.

Es begann schon in der Nacht zum 1. September 1939. Der vorbereitete fingierte Überfall angeblich polnischer Truppen auf den Reichssender Gleiwitz – heute Gliwice – soll Hitler den perfekten Anlass geben, über die Nachbarn herzufallen. Leichen ermordeter KZ-Insassen in polnischen Uniformen wurden vor dem Sender ausgelegt, linientreue SS-Männer täuschen den polnischen Überfall vor. Noch vor den berühmten Schüssen des deutschen Schulschiffs „Schleswig-Holstein“ auf die damals polnische Halbinsel Westerplatte vor Danzig legte ein deutsches Sturzkampffliegergeschwader die polnische Kleinstadt Wielun in Schutt und Asche und ermodete so 1.200 schlafende Menschen. Hitler behauptet bei seiner berüchtigten Radioansprache Polen habe in der Nacht zum ersten Mal auf deutschem Territorium auch mit bereits regulären Soldaten geschossen. Nun werde Bombe mit Bombe vergolten und seit fünf Uhr 45 würde zurückgeschossen. Der Weg war frei für millionenfachen Mord.

Auf der Gedenkfeier am 75. Jahrestag, die genau zur Stunde des Beginns der Beschießung der Westerplatte begann sprach Ministerpräsident Tusk auf der „Westerplatte“ bei Danzig mahnende Worte. Er nahm das Ereignis zum Anlass auch Bezüge zu den großen Gefahren der Gegenwart zu ziehen. An dem Ort, an dem die ersten Granten des 2. Weltkriegs damals einschlugen erklärte Tusk, die Europäer müssten Lehren aus dem polnischen September von damals ziehen und dürften nicht im naiven Optimismus verharren. Gerade Polen habe das Recht zu sagen, niemand dürfe polnische Initiativen blockieren, die auf ein effektives Handeln der NATO zielen. Für den designierten EU-Ratsvorsitzenden darf „Nie wieder Krieg“ kein Schlagwort und schon gar kein Manifest der Schwachen sein. Dies sei nicht die Zeit für schöne Wort betonte Tusk im Hinblick auf die Ukraine und den Krieg in der Nachbarschaft. Noch sei Zeit, Einhalt zu gebieten.

Prominente polnische Intellektuelle und Künstler verglichen 1939 mit derLage in der Ukraine. „Gestern Danzig – heute Donezk“ hieß das Motto, unter dem Ex- Außenminister Wladyslaw Bartoszewski, Filmregisseur Andrzej Wajda sowie die Schriftsteller Andrzej Stasiuk und Olga Tokarczuk vor endlosen Zugeständnissen an Russland warnten. Auch 1939 hatte die der Appeasement-Politik gegen Hitler versagt. Eine solche egoistische Politik der Europäer dürfe sich nie wiederholen hieß es.

Am Nachmittag fand eine Gedenkstunde auf der Westerplatte teil, an dem der polnische Präsident Bronislaw Komorowski und Bundespräsident Joachim Gauck teilnahmen. Zum Zeichen wie wichtig der Dialog zwischen den Völkern ist, nahmen beide Staatsoberhäupter an einer Diskussion mit Jugendlichen teil.

Im oberschlesischen Gleiwitz (Gliwice) hatten bereits am Sonntage gedachten am Sonntag deutsche und polnische Bischöfe des Überfalls auf Polen vor 75 Jahren und des fingierten Überfall auf den Reichssender gedacht, der die Kriegsrechtfertigung liefern sollte. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx und sei polnischer Amtsbruder Stanislaw Gadecki erinnerten an das unendliche Leid, mit dem Deutsche über Polen überzogen, mit der unmenschlichen Gewalt der gut fünfjährigen Besatzungszeit. Kardinal Marx betonte, dass es nach danach zu einer Versöhnung gekommen sei, könne nur als ein Wunder der Gnade Gottes bezeichnet werden. Marx betonte auch das Versagen der deutschen Kirche, die diesen Krieg nicht als Unrecht gebrandmarkt habe. Alle Kirchen egal welcher Konfession hätten Brückenbauer, Versöhner und Friedensstifter zu sein.

Der Münchner Kardinal erinnerte auch an das Versagen der Kirche: „Betroffen stehen wir vor der Tatsache, dass der Weltkrieg damals von der Kirche in unserem Land nicht als Unrecht geächtet wurde.“ Kirchen dürften „niemals mehr Instrumente des Gegeneinanders der Völker sein, sondern Brückenbauer, Versöhner, Friedensstifter“, mahnte Marx. Das gelte auch über die Religionsgrenzen hinweg.

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Brigitte Jäger-Dabek kennt Polen seit vielen Jahren und ist als freie Journalistin Polen-Expertin. Sie ist Autorin des preisgekrönten Buchs „Länderporträt Polen“.