Buch des Monats Juli 2010

Buch des Monats

Buch des Monats,

Passend zum Chopin-Jahr in dem der 200. Geburtstag des großen polnischen Komponisten nicht nur in Polen groß gefeiert wird, hat die Kulturhistorikerin, Literaturwissenschaftlerin und Musikwissenschaftlerin Eva Gesine Baur ihre Biografie Chopin oder Die Sehnsucht veröffentlicht.

Dass die Autorin Eva Gesine Baur ein ausgesprochenes literarisches Talent besitzt, hat sie unter anderem in ihrem Klavierroman „Konzert für die linke Hand“ bereits bewiesen. So ist es dann kein Wunder, dass sich auch ihre 564 Seiten starke Chopin-Biografie ausgesprochen flüssig liest und zeitweise an einen Roman erinnert, der den Leser mitten ins Geschehen mitreißt.

Der Detailgenauigkeit und Quellentreue tut das bei Eva Gesine Baur keinen Abbruch. Recherchiert hat die Autorin mit geradezu hartnäckiger Detailversessenheit, dabei ist die Quellenlage wenn es um Chopin geht nicht eben üppig, der Meister hat kein Tagebuch geführt und das Gros seiner Briefe und Dokumente haben die Zeiten nicht überdauert. Nur durch die Sammlungen der Adressaten seiner Briefe ist bekannt, was für ein brillant formulierender Briefschreiber Chopin war. Das zeigt sich besonders in dem Briefwechsel mit seiner exzentrischen in Männerkleidung auftretenden, Zigarren rauchende Freundin George Sand, mit der Chopin eine zehnjährige, rätselhafte Beziehung verband.

Eva Gesine Baur ist ein sprachliches Meisterwerk gelungen, das eine der faszinierendsten Persönlichkeiten der Musikgeschichte in all seiner Widersprüchlichkeit darstellt. Chopin war Frauenscharm mit geschliffenen Manieren und doch scheu und einsam, musste die scheinbar wie hingehauchte Leichtigkeit seiner Stücke hart erarbeiten, ließ detailgenau und akribisch Geplantes wie improvisiert wirken, galt als verträumtes Genie, aber auch fein ironisierend, hielt zeitlebens seine Umwelt auf Distanz und bezauberte doch sein Publikum als Klaviervirtuose, litt unter seinen Krankheiten, pflegte sie aber auch wie gleichfalls seine eigene Vergänglichkeit. Unter einem aber litt er wirklich: Den Verlust seiner Heimat konnte er nie verwinden, sein Lebensgefühl war die Sehnsucht

Ganz nebenbei gelingt der Autorin nicht nur ein spannendes Portrait der Epoche der Romantik, der Salons und vor allem der wenig bekannten Welt der spezifischen polnischen Romantik und der politischen und gesellschaftlichen Situation mit all den Nöten eines besetzten Polens. Stellvertretend für eine ganze Generation wird auch immer wieder die Sehnsucht des Emigranten Chopin thematisiert, die seine Musik kennzeichnet.

Die Sehnsucht, die Imagination des Unerfüllbaren wurde für Chopins empfindsame Künstlerseele zeitlebens zur Inspiration. Eva Gesine Baur definiert die Sehnsucht so: Wenn das Herz woanders ist, als der Körper. Sein Herzenswusch nach Rückkehr ins geliebte Polen wurde dem völlig verarmten Chopin nach seinem frühen Tod 1849 erfüllt, sein Herz kehrte in Cognac eingelegt nach Warschau zurück und wurde in einer Säule der Heilg-Kreuz-Kirche beigesetzt.

Eva Gesine Baur erzählt nicht nur die Lebensgeschichte Chopins, sie läßt ihn und die ihn umgebenden Personen lebendig werden und liefert gleichzeitig ein faszinierendes Zeitbild sowie eine Sozialgeschichte der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Das macht das Buch Eva Gesine Baur: Chopin oder Die Sehnsucht nicht nur zu unserem Buch des Monats Juli 2010, sondern zu einem ausgesprochenen Lesevergnügen.


Über Brigitte Jaeger-Dabek 1450 Artikel
Brigitte Jäger-Dabek kennt Polen seit vielen Jahren und ist als freie Journalistin Polen-Expertin. Sie ist Autorin des preisgekrönten Buchs "Länderporträt Polen".