Danzig: Von Shakespeare zur Solidarnosc

Europäisches Zentrum der Gewerkschaft Solidarno??, Foto: Copyright ECS, Lizenz Poln. Fremdenverkehrsamt, Berlin

Im Jahr 2014 werden in der polnischen Ostseemetropole Gdansk (Danzig) gleich zwei spektakuläre Kulturbauten fertiggestellt. Mit dem neuen Teatr Szekspirowski, dem Shakespeare-Theater, wollen die Danziger Theatermacher an die elisabethanische Ära der Stadt anknüpfen. Denn bereits im Jahr 1611 wurde in der Hansestadt eine Bühne nach Vorbild des berühmten Londoner Globe Theatre eröffnet. An die bewegte Geschichte der jüngsten Vergangenheit wird hingegen das Europejskie Centrum Solidarnosci ECS erinnern. Das nach der Gewerkschaft Solidarnosc benannte Zentrum entsteht auf dem Gelände der ehemaligen Lenin-Werft, dem Zentrum der Protestbewegung, die vor genau 25 Jahren das Ende des kommunistischen Regimes besiegelte. Das neue Ausstellungszentrum wird den Weg Polens und Ostmitteleuropas zur Demokratie nachzeichnen.

Shakespeare hat in Danzig Tradition. Schon vor mehr als 400 Jahren kamen englische Wanderschauspieler in die Stadt an der Motlawa (Mottlau), um den Hansebürgern mit ihrer Kunst Freude und Abwechslung zu bereiten. Um das Jahr 1611 eröffnete dann die erste feste Bühne der Stadt im Gebäude der damaligen Fechtschule. Sie gilt als erstes Shakespeare-Theater auf dem europäischen Kontinent. Vor zwei Jahrzehnten knüpften theaterbegeisterte Polen wieder an jene Zeiten an. Bereits seit 1993 organisiert die Stiftung Theatrum Gedanense die Shakespeare-Tage, die 1997 zum internationalen Shakespeare-Festival umfirmiert wurden. An dieser renommierten Veranstaltung, die jährlich Anfang August in Gdansk sowie ihren Schwesterstädten Sopot (Zoppot) und Gdynia (Gdingen) stattfindet, nehmen bekannte Bühnen und Ensembles aus der ganzen Welt teil.

Rasch entwickelte sich in der Stiftung die Idee, auch das historische Shakespeare-Theater wieder aufleben zu lassen. Dafür fand sie prominente Fürsprecher, darunter den britischen Thronfolger Prinz Charles und den in Danzig geborenen Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass. Zu Beginn der Bauarbeiten am 14. September 2009 führten rund 80 Schauspieler eine Theaterinszenierung auf, die unter der Regie von Oscar-Preisträger Andrzej Wajda zuvor einstudiert worden war. Seitdem entsteht am historischen Ort in der ul. Podwale Przedmiejskie (Vorstädtischer Graben) am Rande der Rechtstadt ein modernes Theatergebäude. Das Projekt des venezianischen Architekten Renato Rizzi will an die Zeit des elisabethanischen Theaters anknüpfen. So sind beispielsweise hölzerne Galerien als Zuschauerraum für 300 Personen vorgesehen. Ein bewegliches Dach schafft einen freien Innenhof wie beim Londoner Vorbild. Insgesamt wird die Anlage Platz für bis zu 590 Theatergäste bieten und außerdem über einen Konferenzsaal sowie ein Restaurant und einen Actor’s Club verfügen. Die feierliche Eröffnung soll fünf Jahre nach dem Baubeginn im September 2014 stattfinden. Die erste Öffnung des beweglichen Daches können Interessierte schon am 23. April 2014, dem 450. Geburtstag William Shakespeares erleben.

Bereits für Ende August 2014 ist die Eröffnung des Europäischen Solidarnosc-Zentrums (ECS) geplant, das auf einem Teil des Geländes der ehemaligen Lenin-Werft entsteht. Die Anlage besteht aus mehreren neu gestalteten und historischen Elementen. Einbezogen werden geschichtsträchtige Orte wie der plac Solidarnosci mit dem Denkmal für die gefallenen Werftarbeiter und dem berühmten Werfttor sowie das ehemalige Arbeitsschutzgebäude der Werft (Sala BHP), das den Gewerkschaftsaktivisten während der legalen Phase ihrer Arbeit als Konferenzsaal diente. Ergänzt wird dieses Ensemble um einen modernen Neubau, in dem sich künftig die ständige Ausstellung des Zentrums befinden wird, sowie die „Droga do Wolnosci“ (Weg zur Freiheit), einen künstlerisch gestalteten Flanierweg zum Ufer der Martwa Wisla (Tote Weichsel).

Kernstück des ECS wird die moderne Ausstellung sein, die eine Fläche von rund 3.000 Quadratmetern auf zwei Stockwerken des Neubaus einnimmt. In sechs Stationen wird dort die Geschichte vom Untergang des Kommunismus in Polen und dem gesamten Ostblock beleuchtet. Die Station „Geburt der Solidarnosc“ erzählt von den Anfängen der oppositionellen Arbeit rund um die Streiks von 1980 bis zur Gründung der ersten freien Gewerkschaft in der Volksrepublik Polen. Eine weitere Station stellt den Alltag in Volkspolen dar. Nachgezeichnet wird zudem die Entwicklung von dem 1981 verhängten Kriegszustand bis zu den ersten freien Wahlen vor 25 Jahren, im Jahr 1989. Am Ende der Ausstellung befindet sich ein Raum der Stille. Er ist dem polnischen Papst Johannes Paul II. gewidmet, dessen Wirken den Umbruch in Polen förderte.

Die Ausstellung verbindet multimediale Elemente mit historischen Exponaten, die auf überraschende Weise neu inszeniert werden. So bilden die gelben Schutzhelme der Werftarbeiter eine Projektionsfläche für filmische Originaldokumente, ein massiver Kantinentisch wird zum Multimediabildschirm. Neben authentischen Bild- und Tondokumenten werden auch immer wieder Zeitzeugen zu Wort kommen. Die gesamte Ausstellung ist behindertengerecht konzipiert, Audiobeiträge und Braille-Texte machen sie auch für Blinde nachvollziehbar. Der vom Danziger Architektenbüro Fort Architekci konzipierte Neubau thematisiert architektonisch die Geschichte des Ortes. So bildet er die Form eines Schiffsrumpfes. Neben Glas ist vor allem rostiger Stahl der Hauptwerkstoff der Fassadenverkleidung.

Während das ehemalige Arbeitsschutzgebäude als historischer Ort des Gedenkens erhalten bleibt, ist das neue Zentrum mit einer Nutzfläche von rund 20.000 Quadratmetern als Ort der Information und Begegnung konzipiert. Neben der ständigen Ausstellung beherbergt es ein Archiv, eine Bibliothek, eine Mediathek, ein Forschungs- und Bildungszentrum sowie Gruppenarbeitsräume. Darüber hinaus warten auf Gäste hier auch ein Wintergarten, Andenkenläden, eine Buchhandlung sowie gastronomische Einrichtungen. Nach der offiziellen Eröffnung des Zentrums, die Ende August 2014 stattfinden soll, entsteht der künstlerisch gestaltete „Weg zur Freiheit“ auf dem Werftgelände. Der erste Abschnitt vom plac Solidarnosci zur Arbeitsschutzhalle soll bis 2016, der zweite Abschnitt zur Toten Weichsel bis 2018 fertiggestellt werden.

Ein weiteres Danziger Großprojekt eröffnet 2015. Das Museum des Zweiten Weltkrieges entsteht derzeit rund 200 Meter vom ehemaligen Standort der Polnischen Post entfernt, in unmittelbarer Nähe der Ostsee-Philharmonie und der Danziger Werft. Das Prestigeprojekt soll den Blick der Polen und anderer europäischer Völker auf diese größte Tragödie des 20. Jahrhunderts darstellen. Die Ausstellungsgröße soll etwa 7.000 Quadratmeter betragen. In der Ausstellung sollen die militärischen Aspekte in den Hintergrund treten und der Fokus auf dem Schicksal einzelner Menschen, Menschengruppen und Völkern liegen.

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Über Brigitte Jaeger-Dabek 1464 Artikel
Brigitte Jäger-Dabek kennt Polen seit vielen Jahren und ist als freie Journalistin Polen-Expertin. Sie ist Autorin des preisgekrönten Buchs "Länderporträt Polen".