Urlaub in polnischen Gutshäusern – Der Traum vom Landleben

jelmun255Aus der Küche duftet es schon nach frischem Cappuccino, der kaschubische Baumkuchen steht schon auf dem Tisch der Bibliothek in einem Gutshaus, das viele Überraschungen bereit hält. In der Küche fügt sich neueste Technik mit alten Einrichtungsgegenständen souverän zu einer harmonischen Gesamtkomposition, die mit leichter Hand gekonnt arrangiert scheint. Es ist die luftige Leichtigkeit, die in dem altehrwürdigen Gemäuer eine Atmosphäre des savoir vivre, ja fast Grandezza ausstrahlt.

Aber es ist nicht die besondere Atmosphäre der bequemen Sitzgruppe in der Bibliothek, die diese  Kaffeestunde so besonders macht, es ist die Hausherrin Barbara Trzeciak, die den Raum mit ihrer Präsenz und Begeisterung füllt. Jedes kleine Einrichtungsdetail ist liebevoll zusammengestellt und in Jahrzehnte währender Sammelwut zusammen gestellt. Mit vielem betrat sie Neuland als sie begann das Gutshaus zu rekonstruieren.

Malerisch über einem verträumten See gelegen, verrät das Herrenhaus im masurischen Jelmun (Allmoyen) bei Mragowo (Sensburg) nicht mehr, in welchem Ruinengleichen Zustand seine jetzige Besitzerin es übernommen hat.

„Ich habe immer gesehen, wie es einmal aussehen wird, nicht das was ist. Wenn man das nicht kann, fängt man so etwas ohnehin nicht an“, erklärt sie. Sie zeigt Fotos vom Originalzustand und den Bauarbeiten. Ein Abenteuer sei das gewesen, mit täglich neuen Überraschungen und einem Herantasten an behutsame Verfahren, um alte mit neuen Werkstoffen zu verbinden.

Auf die Frage, wie eine Danziger Universitätsdozentin und Sachbuchautorin auf die Idee gekommen sei, ein solch marodes Gutshaus zu kaufen und zu sanieren, holt sie weiter aus. Das habe viel mit der polnischen Geschichte und kulturellen Prägungen zu tun, erklärt sie. Die polnische Gesellschaft nämlich ist nicht wie die deutsche vom Bürgertum und bürgerlichen Idealen geprägt, sondern vom Landadel (Szlachta), der in Polen die staatstragende Schicht stellte und fünfzehn Prozent der Bevölkerung stellte, als das Fünffache, wie im übrigen Europa. So sei das polnische Leben bis heute von den Traditionen des Landadels geprägt, dies sei ein Kern polnischer Lebensart meint Barbara Trzeciak.

Für viele Polen ist der „Dworek“,  das traditionelle Gutshaus des polnischen Landadels der Inbegriff von Geborgenheit, Zugehörigkeit und kultureller Identität. So träumte auch Barbara Trzeciak von Kindheit an vom Leben im Dworek und seit der politischen Wende 1989 arbeitete sie systematisch darauf hin, kaufte bei jedem Flohmarktbesuch Einrichtungsgegenstände, las Versteigerungsankündigungen. Dann fand sie die Ausschreibung für Jelmun/Allmoyen, prüfte die Offerte mit einem Architekten, rechnete alles dreimal durch und legte ihr Limit fest.

„Vor allem aber habe ich mir eine Verhandlungstaktik ausgetüftelt, da habe ich jeden Vorteil genutzt, den mir mein Beruf bietet, mein Spezialgebiet ist nämlich Verhandlungsführung und die Kommunikation zwischen Arzt und Patient. Anwendbar ist das aber im Prinzip auf jed Art von Verhandlung“, meint sie lächelnd. Es hat genützt. Sie erhielt den Zuschlag und blieb im Limit. Viele Güter und Herrenhäuser wechselten seit 1989 auf die ähnlicheWeise ihren Besitzer.

Als Folge des Zweiten Weltkrieges war der südliche Teil Ostpreußens an Polen gefallen. Die Staatsgüter PGR übernahmen hier wie in allen Vertreibungsgebieten alle Güter mitsamt den Immobilien. Viele der Gutshäuser wurden nun als Verwaltungssitze, Kindertagesstätten oder Wohnhäuser.

Nach 1989 gingen sie in eine Art Treuhandgesellschaft über, die Agentur für den landwirtschaftlichen Besitz des Staatsschatzes die den Auftrag zur Privatisierung bekam. Die Modalitäten der Privatisierung sehen jeweils eine öffentliche Ausschreibung vor, der Zuschlag wird bei einer Versteigerung erteilt.

Das Gutshaus Allmoyen entstand in der. Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die Restaurierung und Wiedererrichtung des verfallenen Hauses wurde für Barbara Trzeciak unversehens zu einer spannenden, abenteuerlichen Entdeckungsreise mit vielen Überraschungen, der sie auch tief in die Geschichte des Hauses und der Region eindringen ließ. Dabei heraus kam eine beeindruckende Verbindung von deutscher Geschichte und polnischer Landadels-Kultur, die eine fast heitere Leichtigkeit ausstrahlt.

Die neue Herrin von Allmoyen ist nicht allein mit ihrem Traum vom Landleben. Die nach dem Krieg geborene Generation der Polen setzt sich vielfach unbefangen mit der Geschichte und Kultur der ehemals deutschen Regionen auseinander, die sie als Teil der eigenen Identität begreift. Ein Run auf Gutshäuser, alte Mühlen und andere historische Bauten setzte ein, die fast alle touristisch genutzt werden. Schlafen wie die Grafen, Urlaub im Gutshaus, das ist heute überall in Polen möglich und längst ein Renner.

Auch Barabra Trzeciak ist diesen Weg gegangen, und bietet Gästezimmer an. Doch war von Anfang an klar, dass sie ihr Gutshaus nicht als Erwerbsquelle benötigte. Trotzdem überlegt sie ganz nach Allmoyen zu ziehen. „Das ist jetzt so ein Punkt“, an dem ich mich entscheiden muss, „Habilitation und Professur“, oder freiberuflich weiter machen und in meinem Dworek Seminare anbieten, vielleicht auch ganz etwas anderes.“ Kreativität ist ihre Stärke  und das verbindet sie mit anderen neuen Besitzer alter Gutshäuser.

Mehr über das Gutshaus in Jelmun/Allmoyen erfahren Sie hier:

Barbara Trzeciak, Jelmun-Dwor, PL 11-731 Sorkwity, Die Mail-Adresse: barbaratrzeciak@poczta.onet.pl
www.jelmundwor.pl

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Über Brigitte Jaeger-Dabek 1482 Artikel
Brigitte Jäger-Dabek kennt Polen seit vielen Jahren und ist als freie Journalistin Polen-Expertin. Sie ist Autorin des preisgekrönten Buchs "Länderporträt Polen".