Als Freiwillige in Polen

Marlene Stark, Freiwillige in Breslau, Polen

Seit Herbst arbeitet Marlene Stark aus Bessungen (Darmstadt) für zehn Monate als Freiwillige in Polen. Heute berichtet die 19-Jährige von ihrer Tätigkeit in einer Kinder- und Jugendeinrichtung in der Stadt Breslau.

Nach meinem Abitur stellte sich mir die Frage, wie es nun weitergeht. Ich war am Ende meines Plans angekommen. Vor mir lag eine leere Fläche, von der ich erst einmal nicht wusste wie ich sie füllen sollte. Da ich bedauerlicherweise nicht zu den wenigen Glücklichen gehöre, die wissen, was sie studieren bzw. welchen beruflichen Weg sie einschlagen wollen, brauchte ich mehr Zeit – und das am besten in einer anderen Umgebung als dem „sichere“ Zuhause. Es gab nun nicht mehr so viele Möglichkeiten, nachdem ich mich lange erfolgreich vor einer Entscheidung gedrückt, und mich um null und gar nichts gekümmert hatte. Nachdem ich mich auf Ausland.org von VoluNation über die Möglichkeiten sozialen Engagements im Ausland informiert hatte, entschied ich mich im Rahmen des Internationalen Jugendfreiwilligendienstes (IJFD) für ein Projekt in Breslau, Polen.

Jugendliche übernehmen Verantwortung

Meine Arbeit ist hauptsächlich in einem „Haus der Begegnungen“, einem 1000 m² großen Gebäude mit zwei Musikstudios, zwei Konzerthallen, fünf Hostelzimmern und eben den Büros. Hier trifft sich zwei Mal die Woche eine Gruppe von Jugendlichen im Alter von 15 bis 21 Jahren, die gemeinsam in einem Projekt arbeiten.

Die meisten der 18 Jugendlichen haben in ihrer Kindheit etwas Schweres erlebt oder befinden sich gerade in diesem Moment in einer nicht einfachen Phase ihres Lebens. Jeder trägt eine Geschichte mit sich, diese ist mir aber in den meisten Fällen unbekannt. Es geht bei uns nämlich nicht um die Vergangenheit. Es geht um die Zukunft und um das Neue. Das Bessere. Zwei oder drei Jugendliche kommen leider nur selten. Gemeinsam arbeiten wir also an verschiedenen Projekten wie zum Beispiel der Organisation eines Fußballturniers gegen Rassismus. Oder jetzt zu Weihnachten haben die Jugendlichen eine Nikolaus-Veranstaltung für Kinder aus dem Waisenhaus organisiert. Es gab verschiedene Angebote, zum Beispiel das Basteln von Weihnachtskarten, Plätzchen backen und verzieren, Schneekugeln aus alten Einmachgläsern selber machen und so weiter.

Aktionen wie diese sind insofern wichtig für die Jugendlichen, da nun sie die Verantwortlichen sind, jeder kümmert sich um einen Teil. Es muss ein Budget kalkuliert werden, Produkte eingekauft, vorher vorbereitet und nachher aufgeräumt werden. In den jeweiligen Treffen danach wird analysiert, was anders hätte laufen können oder sollen, wo und welche Verbesserungsvorschläge es gibt und vieles mehr.

Ein anderer Teil meiner Arbeit ist zweimal die Woche im Büro, wo ich Korrespondenz mit deutschen Organisationen führe, für die deutsch–polnische Sprachanimation Materialien vorbereite oder Informationen zu verschiedenen Themen zusammentrage. In der letzten Zeit hatte ich viel zu tun, war ständig unterwegs und manchmal das Gefühl, dass so viele Informationen und Neuigkeiten auf mich niederprasseln und ich in tausenden E-Mails und Aufgaben ersticke, die ich unmöglich in meinem kurzen Tag beantworten kann.  Zu meiner Arbeit gehört auch, dass ich ab und zu auf Seminare oder Fortbildungen fahre.

Schnell Polnisch lernen

Selbstverständlich wird bei diesen Treffen generell ausschließlich polnisch gesprochen. Die meisten Jugendlichen sprechen weder Englisch noch Deutsch, was die Verständigung leider sehr einschränkt. Für mich ist es also wichtig, dass ich schnell die Sprache lerne, damit ich mich verständigen und den Gesprächen folgen kann. Dies ist in der Tat aber nicht leicht, da es in der polnischen Sprache – nur als Beispiel – statt im Deutschen vier, sieben verschiedene grammatikalische Fälle gibt, die Deklination der Endungen so strikt ist, dass auch Eigennamen angeglichen werden müssen und je nachdem wie alt man ist ein anderes Wort für „Jahr/e“ genutzt wird.

WG-Zimmer im Altbau

Nun wohne ich in der 650.000 Einwohner großen, ehemals deutschen Stadt in einer wunderschönen Altbau-WG mit zwei Polinnen, die arbeiten und gleichzeitig nebenbei studieren, so wie es hier öfters üblich ist. Breslau, auf Polnisch Wroc?aw, in Niederschlesien, wurde im Krieg stark zerbombt und präsentiert sich nun wieder an vielen Stellen in neuen Farben. An jeder Ecke gibt es Kneipen und Pubs, Eröffnungen von neuen Cafés oder Bars mit jungen Leuten und modernen, ungedachten Gedanken.

Für mich hat Wroclaw genau dir richtige Größe, da man unglaublich viel unternehmen kann, es gibt tolle Architektur oder auch kleine Gässchen zu sehen, nachts schläft diese Stadt nicht, zumindest wenn man weiß, wo. Touristen gibt es zu dieser Jahreszeit kaum, und wenn, dann finden sie die Hotspots nicht und die originellen Insider-Kneipen bleiben ganz für die jungen Einwohner Wroclaws. Dann bin ich sehr froh, dass ich meine beiden Mitbewohnerinnen habe, die mich mitnehmen und mich in den „Kosmos“ einweihen. Nette Leute trifft man überall und sie heißen einen herzlich willkommen.

Ich schätze, es ist ein gutes Zeichen, dass ich in Polen Anschluss gefunden habe, meine Arbeit mir Spaß macht und ich sehr nette Kollegen habe. Hier komme ich zu dem Punkt der Menschen und somit auch der Mentalität in Polen. Im Moment bin ich noch nicht ganz in der Lage, dies alles einzuschätzen, ich durchblicke die Verbindungen noch nicht. Jedoch kann ich sagen, dass das Leben viel lockerer ist, die Menschen sind spontan und flexibel. In meiner Arbeit mit den Kollegen herrscht eine entspannte Atmosphäre, nach den Workshops gehen wir oft aus, was mir am Anfang nicht leicht fiel, da es in Deutschland nicht üblich ist, so familiär mit den Leuten von der Arbeit zu sein. Ich wusste nicht genau, in welcher Position ich stehe, was also ich mir erlauben kann und was nicht. Aber nun bin ich sehr glücklich über diese Offenheit und fühle mich sehr wohl bei ihnen. Das eben Beschriebene ist vermutlich das, was man die kulturellen Unterschiede nennt. Im Prinzip bin ich deshalb hier und möchte so viel es geht über unser Nachbarland lernen. Ich brauche diese Zeit für mich und meine persönliche Weiterentwicklung, was einmal, nach diesem Jahr – hoffentlich – zur Entscheidung zu einem konkreten Studiengang herausläuft. Am Ende kann ich jedem nur raten, ein solches Jahr für sich selbst zu nehmen und sich zu trauen.

Über VoluNation

VoluNation mit Sitz in Berlin ist Spezialist für weltweite Freiwilligendienste. Neben einem umfassenden Beratungsangebot über Freiwilligenprojekte bietet VoluNation kurzfristig buchbare Workcamps in mehreren Staaten Afrikas, Asiens und Südamerikas an. Weitere Informationen sind im Internet unter www.Ausland.org oder telefonisch unter 030 220117455 erhältlich.

Mehr über den IJFD

Das Polen Magazin dankt Marlene Stark für diesen Bericht und für ihr Engagement in der Breslauer Kinder- und Jugendeinrichtung.

Über Brigitte Jaeger-Dabek 1469 Artikel
Brigitte Jäger-Dabek kennt Polen seit vielen Jahren und ist als freie Journalistin Polen-Expertin. Sie ist Autorin des preisgekrönten Buchs "Länderporträt Polen".