Buch des Monats Februar 2010

Marta Kijowskas Lec-Biografie „Die Tinte ist ein Zündstoff. Stanislaw Jerzy Lec – der Meister des unfrisierten Denkens“ ist  Buch des Monats Februar 2010 bei Das Polen Magazin.

Das Buch „Unfrisierte Gedanken“ von Stanislaw Jerzy Lec war das erste Stück polnischer Literatur, das ich als Jugendliche in der Hand hielt, damals noch in der kongenialen Übersetzung von Karl Dedecius. Seit dem begleiten mich die Aphorismen und Gedanken von S.J. Lec durchs Leben. Immer wieder blättere und lese ich darin – inzwischen längst auch im polnischen Original.

Lec brachte es mit seinen unfrisierten Gedanken nicht nur auch auf dem deutschen Markt zum Bestsellerautor mit mehr als 100 000 verkauften Exemplaren, er belebte auch die Literaturgattung der Aphorismen neu. Nur über Lec selbst wusste man nicht viel, eine richtige Biografie fehlt bisher.

Den Anspruch diese Lücke zu schließen hat auch Marta Kijowska mit ihrem Buch „Die Tinte ist ein Zündstoff. Stanislaw Jerzy Lec – der Meister des unfrisierten Denkens“ nicht. Dazu ist der Mangel an biografischem Material zu groß und so bleiben auch bei Marta Kijowska einige Fragern offen. Die Autorin will ihr Buch mehr als Lebensskizze sehen. Sie erzählt aus dem Leben des großen polnischen Aphoristikers, indem sie Zeugnisse von Zeitgenossen Lecs aus seiner Korrespondenz zusammengetragen hat. Zahlreiche Freunde des Dichters kommen zu Wort wie Karl Dedecius und Marcel Reich-Ranicki. Dabei entstand ein lebendiges Bild sowohl Lecs als auch des polnischen Kulturlebens.

Stanislaw Jerzy Lec (1909-1966) stammte aus der wohlhabenden jüdischen Familie de Tusch-Letz im damals österreichischen Lemberg, der Stadt mit dem ganz besonderen multikulturellen Flair, in der es ganz normal war, Polnische als Muttersprache zu haben, seine Bildung aber im deutschen Gymnasium zu erhalten.

In der Zwischenkriegszeit machte sich Lec als Satiriker und Aphoristiker einen Namen und war bekannt dafür, überall zu schreiben, was ihm den Beinamen Kaffeehausliterat einbrachte. Mit Kriegsbeginn begann auch für Lec die Tragödie. Er kam ins KZ und entging mehrmals nur knapp der Hinrichtung, konnte dann aber fliehen und schloss sich kommunistischen Partisanen an.

Nach dem Krieg trat er in den diplomatischen Dienst Polens ein. Vom Regime aber bald enttäuscht floh er aus Wien nach Israel, kehrte aber nach zwei Jahren nach Warschau zurück. Er erhielt Schreibverbot und konnte erst ab der Tauwetterperiode 1956 wieder veröffentlichen. Ständig um die Zensur herumlavierend entwickelte Lec große Meisterschaft in der subtilen Kunst, zwischen den Zeilen zu schreiben. 1956 starb Lec in Warschau an Magenkrebs. Er hinterließ 4765 unfrisierte Gedanken und Aphorismen.

Dank Marta Kijowskas Buch ist es nun auch möglich, dem Autor dieser Gedanken näher zu kommen und den Menschen Lec besser kennenzulernen. Es ermöglicht auch neuen Leserschichten den Zugang zu einem großen Stück polnischer Literatur.

Über Brigitte Jaeger-Dabek 1465 Artikel
Brigitte Jäger-Dabek kennt Polen seit vielen Jahren und ist als freie Journalistin Polen-Expertin. Sie ist Autorin des preisgekrönten Buchs "Länderporträt Polen".