Buch des Monats Mai 2010

Buch des Monats Mai 2010„Polen ist ein Land in Bewegung,“ heißt es im Vorwort heißt es in unserem Buch des Monats Mei 2010 „Jahrbuch Polen 2010. Migration“, das vom Deutschen Polen Institut in Darmstadt

herausgegeben wurde. Das gilt besonders nach dem der EU-Beitritt Freizügigkeit für Polens Arbeitnehmer brachte. Zum ersten Mal konnten Polen legal in westlichen Ländern eine Arbeit aufnehmen. Ein wahrer Run setzte auf die drei Länder ein, die sich zuerst öffneten, Großbritannien, Irland und Schweden. Weieter Länder folgten und öffneten ihre Arbeitsmärkte für polnische Arbeitnehmer, die letzten werden Deutschland und Österreich sein. Dabei waren die letzteren beiden Länder traditionell die für Polen interessantesten Zielländer. In Deutschland lebt mit ca. 1,5-2 Millionen Menschen die stärkste polnischsprachige Gruppe in Europa.

Die EU-Erweiterung von 2004 veränderte die Migrantenströme, die aus Polen kamen. Die ablehnende Haltung der Deutschen, die letztlich in die Arbeitsmarktbeschränkungen mündeten, sind den gesellschaftlichen Realitäten nicht angepasst.

Nicht unterschieden wird in Deutschland zwischen polnischen Arbeitskräften mit deutscher bzw. Doppelstaatsbürgerschaft, als Deutschstämmigen und den „richtigen“ Polen. Man muss derzeit von rund 1,5 Millionen deutschstämmigen Auswanderern ausgehen.

Heute und besonders ab 2011, wenn die letzten Schutzsperren innerhalb der EU fallen, kommen ganz andere Menschen aus Polen, als noch vor wenigen Jahren. Es sind die „neuen Polen“, die Hochqualifizierten, die Existenzgründer, Manager, Selbstständigen oder die Wissenschaftler, die dann kommen werden. Die anderen, also die Saisonarbeiter und Handwerker, vor denen ma hier soviel Angst hat, sind schon längst da zeigt im „Jahrbuch Polen.Migration“ der Beitrag von Bartosz Wielinski.

Die Beiträge des Buches umschreiben das ganze Spektrum dieser „Neuen“ Migrationsströme und Gruppen. Dabei beschränkt es sich nicht auf die Migration nach Deutschland, sondern stellt auch den internationalen Rahmen dar mit seinen vielen polnischsprachigen Zentren der Migration (Basil Kerski). Uwe Rada erzählt von der oft stillen polnischsprachigen Community in Deutschland, von all den mehr oder minder sichtbaren Posolskis, Kloses und Godojs.

Über die „neuen Polen“ und das ganze Spektrum des polnischen Auswandererlebens in Großbritannien berichtet der Essay von Michal Garapich und beleuchtet all die Risiken zwischen Obdachlosigkeit, hart arbeitenden, gut verdienenden Bauarbeitern ohne jegliche Absicherung bis hin zu den Spitzenverdienern wie Ärzten und Top-Managern.

Von einer wieder ganz anderen Migrantengrippe berichtet Magdalena Nowicka. Sie schreibt über die im Gastland hängengebliebenen Bildungsmigranten, die meist wegen des guten Jobs oder der Liebe halber nach dem Studium blieben. Doch Polen ist längst nicht mehr nur Auswandererland, sondern auch selbst Einwanderungsziel, weiß Anna Kicinger.

Ein breiter Analyseteil in der Mitte des Buches widmet sich den Polen auf dem deutschen Arbeitsmarkt und liefert verlässliche, überprüfbare Daten, wo so oft nur Stammtischwissen herrscht.

Der zweite Teil des Bandes widmet sich den Spuren der Migration in der polnischen Kultur und im polnischen Geistesleben. Dabei erfährt der Leser auch viel über das nicht immer bene leichte Leben in der Migration.

Das „Jahrbuch Polen 2010. Migration“, gibt einen sehr kompletten Überblick über die wichtigsten Phänomene der polnischen Migration. Dabei bleibt das Buch immer leicht lesbar und zuweilen ausgesprochen unterhaltsam. Letzteres gilt natürlich besonders für den zweiten, literarischen Teil. Das Buch widerlegt obendrein quasi en passant etliche deutsche Vor- und Fehlurteile. Mit viel Zahlen und sehr prägnant tut dies der mittlere Analyseteil.

So ist das „Jahrbuch Polen 2010. Migration“ ein wichtiges und unbedingt empfehlenswertes Buch, dem man nur viele Leser wünschen kann.

Über Brigitte Jaeger-Dabek 1468 Artikel
Brigitte Jäger-Dabek kennt Polen seit vielen Jahren und ist als freie Journalistin Polen-Expertin. Sie ist Autorin des preisgekrönten Buchs "Länderporträt Polen".