Das Krim-Referendum aus polnischer Sicht

Krim für die Ukraine verloren,  Foto: Reczpospolita, Titel-Screenshot, www.rp.pl„Krim für die Ukraine verloren“, lautet die Titelschlagzeile der Montagsausgabe der polnischen Tageszeitung Rzeczpospolita. Ähnlich sieht es bei den anderen großen Tageszeitungen im Nachbarland aus. Polska The Times titelt mit „Krim wählt Russland“, Dziennik-Gazeta Prawna mit 93% für Putin“. Das politische Wochenmagazin Polityka zeigt in seiner Online-Ausgabe als Titelaufmacher das Krim-Special mit „Die Krim hat gewählt. Was nun?“

Breit angelegt und bestimmendes Thema in Polens Medien sind die Ukraine-Krise und das damit verbundene  Referendum. Wie nicht anders zu erwarten hatten dort fast 97% der Krimbewohner für einen Anschluss an Russland gestimmt. Im Simferopol und Sewastopol wurde der Referendumssieg von prorussischen Krim-Bewohnern gefeiert. Die Krimtataren, die sich nicht am Referendum beteilgt hatten, verharrten besorgt in ihren Häusern. Die Ukraine und der Westen bezeichneten das Referendum als völkerrechtswidrig und ungültig.

Der “Anschluss” der Krim könne nicht ohne Antwort seitens der internationalen Gemeinschaft bleiben erklärte der polnische Außenminister Radoslaw Sikorski. Man werde sich rasch über Sanktionen der EU im Angesicht der Entwicklungen auf der Krim einigen, fügte Polens Chefdiplomat an, berichtet die Gazeta Wyborcza.

Die EU wird noch heute in Brüssel über die Einführung weiterer Sanktionen gegen Moskau beraten. Inzwischen hat eine Kapitalflucht aus dem Westen zurück nach Russland eingesetzt, denn russische Unternehmen, Oligarchen und Privatleute befürchten, dass ihre Aktiva im Zuge zu erwartender Sanktionen eingefroren werden könnte. Im Gegenzug verlässt westliches Kapital russische Banken aus Angst vor der russischen Retourkutsche. An der Warschauer Börse erleben Werte die stark im ukrainischen und russischen Markt operieren erdrutschartige Verluste berichtet die Tageszeitung  Rzeczpospolita.

Was in den Köpfen Putins und seiner Berater umgeht fragen sich die Medien in Polen und suchen Erklärungen. Besonders die liberale Gazeta Wyborcza widmet der Gedankenwelt der Russen breiten Raum. Mit mehr Kenntnis der Besonderheiten der russischen und sowjetischen Geschichte wird dort die vier Jahrhunderte währende teils direkte, teils de-facto-Zugehörigkeit der Ukraine zu Russland als Hauptpunkt ausgemacht. Im Bewusstsein vieler Russen war es die Kiewer Rus, dieses mittelalterliche Großreich, das als identitätsbildender Vorläufer des russischen Reichs galt und Kiew somit die russischsten aller russischen Städte.

Dieser Geschichtsbetrachtung hängt wohl nicht nur Putin, sondern ein nicht unerheblicher Teil der Russen an. Das Chruschtschow die Krim seiner Heimat, der Sowjetrepublik Ukraine schenkte, spielte solange keine Rolle, die die Sowjetunion bestand. Deren Auflösung betrachtet Putin als die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts, eine Sichtweise, die in Russland ebenfalls nicht wenige Menschen teilen, die glorreiche Großmachtzeiten zurücksehnen. Mit der Rolle am Katzentisch der internationalen Politik, kam man nicht klar, hatte doch die ganze Sowjetunion im Krieg große Opfer gebracht und Europa mit vom Faschismus befreit. Eben diese Sicht macht es Putins Propagandaapparat so leicht, die Faschismusangst nun als Propagandakeule gegen die Ukraine zu mobilisieren.

Eine mehr symbolische Entscheidung fiel schon in Polen als Reaktion des russischen Verhaltens:Erstmals seit dem Absturz der polnischen Präsidentenmaschine im April 2010, wird 2014 zum Jahrestag keine offizielle polnische Abordnung zum Gedenken der Katastrophe und der Morde von Katyn ins westrussische Smolensk reisen. Dies erklärte Kulturminister  der konservativen Tageszeitung Rzeczpospolita gegenüber.

 

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Brigitte Jäger-Dabek kennt Polen seit vielen Jahren und ist als freie Journalistin Polen-Expertin. Sie ist Autorin des preisgekrönten Buchs "Länderporträt Polen".