Der Mindestlohn in Polen – und wie man ihn umgeht

Shoppingmalls, schicke Läden - miese Löhne

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Der polnische Mindestlohn für 2015

Eigentlich steht Polen, was den Mindestlohn betrifft gar nicht so schlecht dar, er ist in den Jahren zwischen 2007 und 2013 nach OECD-Angaben um zehn Prozent angestiegen. Damit hat Polen aufgeholt, denn 2007 gehört Polen zu den Ländern, die die niedrigsten Mindestlöhne der EU hatten. In Ländern wie Griechenland, Spanien oder Irland hingegen ist der Mindestlohn in dieser Zeit gesunken.

Den Mindestlohn für 2015 hat die polnische Regierung den neuen Mindestlohn für das Jahr 2015 auf 1.750 z? festgesetzt. In Polen wird der Mindestlohn jedes Jahr neu festgesetzt. Die Berechnung erfolgt jeweils zum 15.9. eines jeden Jahres, neben dem Mindestlohn werden auch die Arbeitgeberanteile neu festgelegt. Deren prozentualer Anteil beträgt für die Sozialversicherung (Zaklad Ubezpieczen Spolecznych, ZUS) grundsätzlich 18,19% des Bruttolohns, dazu kommen 2,45% für den Arbeitsfonds und 0,1% für den Fonds garantierter Zuwendungen (Fundusz pracy i Fundusz gwarantowanych swiadczen). Die Bruttokosten des Mindestlohns belaufen sich so für den Arbeitgeber inkl. aller Arbeitgeberanteile auf 2.112,96 Zloty, das sind 84,53 Zloty mehr als im Vorjehr.

Der polnische Mindestlohn von 2015 entspricht mit seinen 1.750 Zloty umgerechnet knapp 450 Euro. Berücksichtigt man die Kaufkraftunterschiede würde das In Deutschland 750 Euro entsprechen. Damit erreicht der polnische Mindestlohn 44% des Durchschnittslohns, der bei 3.982 Zloty (ca. 1.000 Euro) liegt. Diese Quote soll nach Plänen der polnischen Regierung auf 50% angehoben werden.

 Wie man den Mindestlohn in Polen umgeht

Nun ist der polnische Mindestlohn im Vergleich zu anderen europäischen Ländern nicht etwa der niedrigste. Doch nützt das nichts, wenn er nur selten zur Anwendung kommt. Er wird schlicht umgangen durch den Abschluss von Werkverträgen. Wie auch hierzulande sind Menschen, die auf der Basis eines Werkvertrags arbeiten rechtlich keine Arbeitnehmer, sondern Selbstständige. Arbeitsverhältnisse auf Werkvertragsbasis – meist können den Mindestlohn so recht einfach umschiffen, und zahlen für den „Selbstständigen“ auch weder Krankenkassen- noch Rentenbeiträge. Diese Arbeiter sind dabei tatsächlich so mies bezahlt, dass sie sich selbst nicht versichern können. Sie sind in eine rechtliche Grauzone abgerutscht, weil sie anders keine Arbeit finden. Kaum einer der Beschäftigten verdient mehr als 1.000 Zloty, fast alle werden sie über Subunternehmer vermittelt. Vor allem der Einzelhandel profitiert von dieser Arbeit in der Grauzone, auch die deutschen Supermarktkette. Weitere Branchen, die häufig von dieser Art des Lohndumpings betroffen sind ist die Reinigungsbranche und Sicherheitsdienste.

In Polen gibt es vor allem für schlecht Ausgebildete und junge Berufsanfänger kaum eine andere Chance, als sich für diese problematischste Art der 1,6 Millionen Werkverträge in Polen zu entscheiden. Genaue Zahlen, wie viele der Werkverträge auf diesem Niveau geschlossen werden. Natürlich gibt es auch ganz „Normale“ Werkverträge“ zwischen Selbstständigen. Ein weiteres Problem sind die 3,6 Millionen befristeten Anstellungsverträge, die dem Angestellten zwar in aller Regel die Sozialversicherung bieten, aber keinerlei soziale Sicherheit. Aber auch mit diesen Verträgen kann getrickst werden, in dem eine falsche Arbeitszeit im Vertrag angegeben wird und der tatsächliche Lohn so am Ende weit unter dem Mindestlohn liegt. Das große Problem an diesen Unterlaufungsstrategien ist, dass fast ein Drittel aller polnischen Beschäftigten in diese Vertragskonstruktionen eingebunden sind. Alles fing an, als im Jahr 2.000 der Mindestlohn in Polen eingeführt wurde. Dennoch klagen die Arbeitnehmerverbände, dass bereits 44% vom Durchschnittslohns viel zu hoch angesiedelt sein für einen Mindestlohn, bei 40% liegen nach Aussagen polnischer Arbeitsnehmerverbände die absolute Schmerzgrenze.

Mindestlohn-Rechtsgrundlagen als PDF-Download:

Über Brigitte Jaeger-Dabek 1450 Artikel
Brigitte Jäger-Dabek kennt Polen seit vielen Jahren und ist als freie Journalistin Polen-Expertin. Sie ist Autorin des preisgekrönten Buchs "Länderporträt Polen".