Die Ära Steinbach ist zu Ende

Dr. Bernhard Fabritius, BdV-Vorsitzender, Foto: Gerd Seiter, CC-BY-SA-3.0

Erika Steinbach ist nicht mehr Vorsitzende des deutschen Bundes der Vertriebenen (BDV). Nach 16 Jahren an der Spitze stellte sie sich nicht mehr zur Wiederwahl. Zum Nachfolger an der BDV-Spitze wurde der bisherige Vizepräsident und CSU-Politiker Dr. Bernhard Fabritius gewählt.

Der 49-jährige Fabritius stammt aus Rumänien und kam in den 1980er Jahren nach Deutschland. Als rumäniendeutscher Siebenbürger aus Agnetheln (Agnita) unterlag seine Familie dem Vertreibungsdruck des Ceausescu-Regimes, die zu einem wahren Exodus der deutschen Minderheit führte. Er stammt also aus einem ganz anderen Milie, als seine Amtsvorgängerin Erika Steinbach.

Steinbach war eine unerwünschte Person und galt als das „Rote Tuch der Polen“. Das aber hatte sie sich selbst zuzuschreiben. Durch ihre Forderungen, Äußerungen und Geschichtsbewertungen, die Flucht und Vertreibung gern wie ein singuläres Verbrechen ohne weiteren historischen Kontext dastehen ließ, als ob es keine Vorgeschichte gegeben hätte.

So ist es nicht weiter verwunderlich, dass Erika Steinbach bis heute die Ablehnung nicht versteht, die ihr aus Polen entgegenschlug. Bei einer Pressekonferenz in Berlin erklärte sie, sie habe beide Hände nach Polen ausgestreckt, und es habe nicht gefruchtet.

Fabritius erklärte, er werde sich bemühen, das Verhältnis zwischen seinem Verband und Polen zu entspannen. Die Zeit sei reif, man brauche in einem modernen Europa keine Feindbilder mehr. Dem neuen BDV-Chef ist bewusst, dass das schwierig werden könnte, er wolle aber so schnell wie möglich nach Polen reisen. Er habe vor, die Vertreter der Deutschen Minderheit in Polen auch mit der polnischen Regierung und ihren Vertretern zusammenbringen, damit die beiden Seiten über offene Fragen sprechen und die zwischen ihnen stehenden Themen abarbeiten.

Das Signal von Fabritius nach Polen soll die Aussage sein, dass es heute nicht mehr vorrangig um materiellen Ausgleich gehe, sondern um die moralische Rehabilitierung der aus Polen Vertriebenen, die noch immer mit dem Vorwurf leben müssten, selbst schuld an ihrem Schicksal zu sein. Aus dem heutigen Staatsgebiet Polens stammten etwa sieben der rund zwölf Millionen nach dem Zweiten Weltkrieg zwangsumgesiedelten Deutschen.

Kommentar: Die Frage bleibt, ob die Deutschstämmigen in Polen das überhaupt wollen. Sie sind hervorragend organisiert – vom Ortsverein über die Regionalorganisationen bis hin zum nationalen Dachverband. Und sie haben ein gutes Verhältnis zu den staatlichen Organen, haben einen Parlamentsabgeordneten und etliche Kommunalpolitiker, die in polnischen Parteien Mitglied sind und den Stadt- und Gemeindeparlamenten sitzen. Sie genießen finanzielle und organisatorische Zuwendungen auch der polnischen Regierung, wie alle anderen Minderheiten.

Die betroffenen Woiwodschaften haben je einen Minderheitenbeauftragten beim Woiwoden und bei Sejmik-Marschall (Vorsitzender des Regionalparlaments), man ist ständig miteinander im Gespräch, auch ohne BdV. Die Deutschen in Polen werden bei der Pflege ihrer Kultur unterstützt und genießen Angebote des erweiterten Deutschunterrichts und dort wo genügend Eltern das befürworten den Schulunterricht in deutscher Sprache. Das vorbildliche polnische Minderheitenrecht duldet keine Diskriminierung einer ethnischen oder nationalen Minderheit. Wo ein Kaczynski das versucht, bekommt er reichlich Medienschelte.

Über Brigitte Jaeger-Dabek 1469 Artikel
Brigitte Jäger-Dabek kennt Polen seit vielen Jahren und ist als freie Journalistin Polen-Expertin. Sie ist Autorin des preisgekrönten Buchs "Länderporträt Polen".