Im Shtetl – Krakau-Kazimierz, wo Schindlers Liste gedreht wurde

Jüdisches Festival KrakauMan fühlt sich ein bisschen wie in Anatevka in Kazimierz, dem alten Shtetl Krakaus, und dann wieder wie in Schindlers Liste, Wehmut über die untergegangene Welt der Shtetl klingt an, Entsetzen über den Holocaust. Kazimierz ist wie ein Schaufenster in eine untergegangene Welt und ein wenig wie ein Museum für Leben und Kultur der osteuropäischen Shtetl.

Die Shtetl waren Jahrhundertelang Heimat des osteuropäischen Juden. Diese Welt begann im östlichen Mitteleuropa bei Krakau und zog sich ausgehend vom ehemaligen Habsburger Reich über Polen, die heutige Ukraine und Weißrussland bis ins Baltikum und nach Russland hinein.

In den osteuropäischen Siedlungsgebieten bildeten die Shtetl völlig eigene Gemeinwesen, waren eine Stadt in der Stadt. Im Gegensatz zu Westeuropa assimilierten sich die Juden hier überwiegend nicht und nahmen auch die Landessprache nicht an.


Jiddisch – die Sprache der Shtetl

Die meisten Juden Osteuropas waren aus dem deutschen Sprachraum gekommen und brachten ihre mittelhochdeutschen Mundarten mit, die sich mit Regionalismen und Hebräischem anreicherten. Über die Jahrhunderte wurde daraus eine eigene Verkehrssprache, das Jiddische, das sich zur eigenständigen jüdischen Kultursprache entwickelte, eine reiche, in hebräischen Lettern geschriebene Literatur entstand.

Das Shtetl – Eine geschlossenen Welt
In den geschlossenen Gesellschaften der Shtetl bildete sich durch die sprachliche Abgrenzung von der Umwelt eine eigene Welt heraus, in der die Menschen ihre jüdischen Traditionen und Riten lebten. Die Gemeinden waren überwiegend orthodox, es bildeten sich viele kleine Zentren jüdischer Gelehrsamkeit. Dazu kamen weitere Strömungen, wie der in Galizien entstandene Chassidismus, der mehr Mystisches enthielt und später die Haskala, eine Bewegung religiöser Aufklärung. Es gab Wunder-Rabbis, überhaupt Rabbis aller nur denkbarer Glaubensrichtungen, jede Jeshiwa hatte ihre eigene unverwechselbare Richtung, jeder gelehrte Rabbi seine Anhänger.

Sinnbild vertrauter Heimat waren die Shtetl, altbekannte Riten und Gebote boten Wärme, waren aber auch eine abgeschiedene Welt für sich – von außen schwer zugänglich von innen war keim ein Ausbruch möglich. Vor allem gegen Ende des 19. Jahrhunderts fingen mehr und mehr Juden an, die geistige Erstarrung und Enge dieser kleinen Welt zu überwinden, die das Wissen der anderen, der großen und bedrohlich fremden Welt immer außen vor gelassen hatte. Schriftsteller wie Joseph Roth und Karl Emil Franzos thematisierten diesen geistigen Ausbruch aus dem Shtetl in ein aufgeklärtes Judentum immer wieder.

Die Welt der jüdischen Shtetl ist untergegangen im Holocaust, dennoch ist es eine auch für Nichtjuden faszinierende Reise, sich auf Spurensuche zu machen und die alte ostjüdische Shtetlwelt zu erkunden, den letzten noch lebenden Zeugen dieser so eigenen Welt zu begegnen.

Sei es in Polen, besonders im hübsch wieder hergerichteten Kazimierz, dem alten Krakauer Judenviertel, oder im weiten ländlichen Raum von Polens Osten und Südosten, sei es in Weißrussland, Rumänien oder dem Baltikum mit Wilna, dem Jerusalem des Nordens, den Weiten des europäischen Russlands oder besonders der Ukraine: Überall wird man noch letzte Spuren der einst reichen jüdischen Kultur finden, seien es alte Synagogen, Schiln oder Badehäuser, Bilder und Dokumente, die Einblick geben und manchmal noch kleine Gemeinden, deren Mitglieder ihre Erinnerungen erzählen.

Kazimierz wird wiederbelebt
An Straßenständen werden frische Bejgl und Brezeln angeboten, der Duft von Tscholent, Kigl und „Gefillte Fisch“, dem jüdischen Festtagsessen hängt in der Luft. Dazu singt eine Klarinette ihr Klezmer – Lied aus der Kneipe an der Ecke herüber. Nicht viel weiter eine kleine jüdische Buchhandlung in der neben antiquarischen jiddischen Werken alte Bilder und Holzfiguren, die Juden in ihrer traditionellen Kluft darstellen, einen kleinen Rest vom jüdischen Shtetl  wieder aufleben lassen. Kazimierz wie dieses Stadtviertel  Krakaus heißt, ist ein Schaufenster in eine nicht mehr existierende Welt, die Welt der Shtetl und Ostjuden, die mit ihren Bewohnern im Holcaust unterging. Das renovierte Kazimierz ist eine Stätte der Erinnerung auch für Juden aus aller Welt geworden, die in diesem Krakauer Stadtteil eigene Wurzeln suchen.

In Kazimierz, dem jüdischen Stadtteil von KrakauDer alte Stadtteil Kazimierz, den König der Große 1335 als eigene, polnische  Stadt gegen das vom  deutschen Patriziat dominierte Krakau gründete, liegt südlich der Krakauer Altstadt. Nachdem 1495 ein Siedlungsverbot für Juden in Krakau erging, entstand in Kazimierz eine der berühmtesten jüdischen Gemeinden Polens, die ihre goldene Zeit im 16. Jahrhundert erlebte.

Vor dem Krieg lebten 68 00 Juden in Kazimierz, die von den Nazis 1941 zunächst ins Ghetto Podgorze auf der anderen Weichselseite verschleppt wurden und dann fast alle in Auschwitz ermordet wurden. Nur die 1200 Schindlerjuden überlebten, Schindlers Emaillefabrik in Podgorze steht noch.

Heute leben in Kazimierz nur wenige Menschen jüdischen Glaubens in einer Gemeinde, die eine der ältesten und berühmtesten Polens war, aber es gibt noch viele Zeugen jüdischen Lebens in Kazimierz, das meiste um die Hauptstraßen des Viertels, Szeroka und Miodowa herum.

Sieben Synagogen haben die Barbarei überstanden, paradoxer Weise waren sie von den Nazis als „Museen der untergegangenen Rasse“ ausersehen. Eine der beiden noch als Gotteshaus dienenden Synagogen ist die Remuh – Synagoge an der ul. Szeroka, das älteste jüdische Gotteshaus in Kazimierz. Hinter der Synagoge liegt der alte jüdische Friedhof von 1533, dessen Grabsteine den Nazisturm gut versteckt überstanden.

Am Ende der ul. Szeroka steht die Alte Synagoge die um 1500 erbaut wurde und eine der wenigen erhaltenen mittelalterliche Synagogen ist. Sie ist heute Teil des Krakauer Historischen Museums und beherbergt Ausstellungen zu Kultur und Geschichte der Juden. Nur eine Ecke weiter an der ul. Izaaka  steht die barocke Isaak – Synagoge.

Etwas abseits an der ul Miodowa kann man die prächtig ausgestattete Tempel – Synagoge besichtigen, die als Konzert- und Veranstaltungszentrum dient. Lange Jahre galt Kazimierz als unheimlich und verrufen, ein düsteres und heruntergekommenes Viertel, das man lieber meidet.

Vieles ist heute wieder restauriert und saniert in Kazimierz, die immer noch dunkle Straßenbeleuchtung, die enge Gassen in ein schummriges Licht taucht, trägt jetzt zur besonderen Stimmung bei. Vor allem um die ul. Szeroka entstanden Cafes, Restaurants, Pensionen und Hotels, die an die jüdische Vergangenheit anknüpfen und auch wieder jede Menge jüdischer Gerichte anbieten, auch koschere Küche gibt es wieder.

Abends spielen Klezmer – Gruppen in den vielen Cafes wie dem Ariel, oder dem Alef auf und lassen bei Kerzenlicht wenigstens die Musik der ostjüdischen Welt wieder erstehen. Enge verwinkelte Gassen, dunkle kleine Läden, Werkstätten in Höfen im Wechsel mit Klezmer-Kneipen lassen ein Stück von der einstiegen jüdischen Kultur dieses Stadtviertel lebendig werden, das regelmäßig stattfindende jüdische Kulturfestival tut ein übriges.

Es klingt zwar ein wenig nach Hollywood – Tourismus, aber die von der Jüdischen Buchhandlung veranstalteten „Schindlers List Tours“ ist eine ausgezeichnete Führung an Drehorte und historische Stätten, bei der man eine Menge über jüdisches Leben und Sterben erfährt.

Man sollte bei einer Reise in die jüdische Vergangenheit Krakaus nicht versäumen sich anzusehen, wo die meisten der jüdischen Bewohner von Kazimierz umgebracht wurden. Auschwitz ist nur eine Autostunde entfernt.


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Über Brigitte Jaeger-Dabek 1465 Artikel
Brigitte Jäger-Dabek kennt Polen seit vielen Jahren und ist als freie Journalistin Polen-Expertin. Sie ist Autorin des preisgekrönten Buchs "Länderporträt Polen".