Karlspreis an Polens Premier Donald Tusk

Donald Tusk, Polens Ministerpräsident wurde gestern in der Europastadt Aachen nach Bronislaw Geremek und Papst Johannes Paul I, als dritter Pole mit dem Internationalen Karlspreis ausgezeichnet. Er erhielt den Karlspreis für  besondere Verdienste bezüglich der Zusammenarbeit Polens mit den europäischen Partnern.

Nach seiner Wahl zum Ministerpräsidenten 2007 hatte er die unter seinem Vorgänger Jaroslaw Kaczynski schwer belasteten Beziehungen Polens nicht nur zu Deutschland und zur EU, sondern auch zu Russland stark verbessert. Er war es, der Polen zurück in die Mitte der europäischen Staatengemeinschaft führte.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hielt die Laudatio, in der sie an Tusks Biografie erinnerte. Er habe Zeit seines Lebens auf die Kraft der Freiheit vertraut, und habe gemeinsam mit den vielen Mitstreitern in der Solidarnosc den Grundstein für die Wiedervereinigung Deutschlands und Europas Einheit gelegt. Donald Tusk sei ein überzeugter und überzeugender Europäer, der konsequent für die EU-Verfassung und den Vertrag von Lissabon eingetreten sei.

Für die Bundeskanzlerin steht die EU in der schwersten Bewährungsprobe, die Europa seit Jahrzehnten erlebt habe, denn wenn der Euro scheitere, dann scheitere auch Europa und die Idee der europäischen Einigung.

Donald Tusk, der Premier aus dem geschichtsbewussten, weltoffenen, europäisch orientierten Danzig, der wie Günter Grass auch kaschubische Wurzeln hat, bezeichnete in seiner Dankesrede eben dieses Danzig als sein „vertrautes Europa“.  In diesem Danzig des 20. Jahrhunderts, in dem Tusk 1957, dem Jahr der Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft geboren wurde, spielten sich all die wichtigen Dramen ab, die die Menschheit im 20. Jahrhundert erlebt hatte. Tusk zeigte auf, wie ihm die Lektüre des französischen Historikers Fernand Braudel, des englischen Historikers Norman Davies Danzig oder der Erinnerungen von Johanna Schopenhauer, die wie Tusk selbst Danzigerin war, klar gemacht habe, dass viele Danziger Traditionen europäische Phänomene gewesen sein. Weder dem dem Nationalsozialismus noch dem Kommunismus sei es gelungen, Deutschland, Danzig und Polen das europäische Erbe zu entreißen. Dieses Europa lebe in uns allen fort, sagte Tusk.

Besondere Spuren in der europäischen Identität haben die Landstriche des Kontinents, die den Charakter von Grenzländern hätten. Das alles sei mit eine Grundlage für den Ausbruch der August-Ereignisse 1980 in Danzig, erklärte Tusk. Damit und mit Solidarnosc begann ein Jahrzehnt, an dessen Ende 1989 Mitteleuropas Freiheit und die deutsche Wiedervereinigung standen. Europa wurde wieder ein Kontinent freier, demokratischer Nationen. Die EU-Erweiterung war dann die Konsequenz und die endgültige Vereinigung.

Tusk nannte Europa ein großes gesellschaftliches und politisches Experiment. Man versuche nun ein gemeinsames Dach über die Vielfalt der Staaten, Kulturen, Glaubensrichtungen und Völker zu bauen ohne die Konturen schon zu kennen. Diese Idee von Europa erwachse aus den Träumen einer Gemeinschaft freier Nationen und der Brüderlichkeit freier Menschen.

Zum Ende seiner bewegenden Rede widmete Donald Tusk den Karlspreis seiner Generation, der Solidarnosc-Generation, und im Besonderen den Opfern der Flugzeugkatastrophe von Smolensk.

Bundeskanzlerin Merkel neben Ministerpräsident Tusk – ein symbolträchtiges Bild, haben sich hier doch das alte und das neue Europa zusammengefunden. Auch das honorige Aachen selbst im äußersten Westen der Bundesrepublik steht für die alte Westorientierung der Europäischen Union, während Tusk für die Dynamik der neuen Mitgliedsländer steht, durch die Europa deutlich weiter nach Osten orientiert ist.

Text der Rede von Donald Tusk in einer Übersetzung von Basil Kerski: http://www.welt.de/debatte/kommentare/article7614778/Der-Traum-von-Europa-lebte-immer-in-uns.html

Über Brigitte Jaeger-Dabek 1467 Artikel
Brigitte Jäger-Dabek kennt Polen seit vielen Jahren und ist als freie Journalistin Polen-Expertin. Sie ist Autorin des preisgekrönten Buchs "Länderporträt Polen".