Krzyzowa: Widerstandskämpferin Freya von Moltke tot

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Krzyzowa, auf halbem Weg zwischen Wroclaw(Breslau) und der tschechischen Grenze in die niederschlesische Hügellandschaft eingebettet, mittendrin in der Weite ein weiträumiger, großzügig angelegter Gutshof – alles in allem ein Bild des Friedens, ländlicher Abgeschiedenheit. Doch in Krzyzowa, dem einstigen Kreisau wurde Geschichte geschrieben, wurden Gedanken gedacht, die weit über die Gedankengebäude der jeweiligen Zeit herausreichten und die dieses abgelegene Fleckchen Niederschlesiens weltberühmt machten.

Es waren die Bilder der deutsch-polnischen “Versöhnungsmesse” vom 12. November 1989, die um die Welt gingen und in Deutschland, das in diesen jubeltrunkenen Tagen völlig mit sich selbst beschäftigt war, eher am Rande und mit Verzögerung in ihrer ganzen Bedeutung wahrgenommen wurden. An jenem Tag hatte der  – deutschstämmige – angesehene polnische Erzbischof Alfons Nossol aus Oppeln die Messe gelesen, an deren Ende sich Bundeskanzler Helmut Kohl und der polnische Ministerpräsident Tadeusz Mazowiecki umarmten, als die Liturgie beim Friedensgruß angekommen war.

Inzwischen ist aus dem Gut Kreisau mit Unterstützung Freya von Moltkes eine internationale Begegnungsstätte geworden, die europäische Gedanken des Kreisauer Widerstandskreises weiterführt, die Freya und Helmuth James von Moltke vorlebten. Dazu verbindet Kreisau die Gedankenwelt des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus mit dem der Bürgerrechtler des Ostblocks. Rund 5000 Jugendliche treffen sich hier jährlich zu Seminaren und Begegnungen. Freya von Moltke, die Witwe des Widerstands, war dafür zeitlebens mehr als nur ein Symbol, sondern sehr aktiv tätig, als Visionärin und Brückenbauerin und spiritus rector des Neuen Kreisau.

Möglich wurde das, weil eben dieses Kreisau das Symbol für das bessere Deutschland war, wie es sich der nach dem Ort “Kreisauer Kreis” genannte Widerstandskreis gegen den Nationalsozialismus erdacht hatte. Führende Köpfe des Kreises, der Visionen, Gesellschaftsentwürfe und Grundlagen für ein künftiges in ein vereintes Europa eingebundenes demokratisches Deutschland entwickelte, waren Helmuth James Graf von Moltke und Peter Yorck von Wartenburg. Freya von Moltke war nicht nur Gesprächspartnerin ihres Mannes, sondern auch Teilnehmerin der drei Kreisauer Sitzungen und deren Organisatorin.

Die 1911 in Köln geborene Freya von Moltke entstammte der Bankiersfamilie Deichmann und begegnete Hellmuth James von Moltke beim Jurastudium. 1931 heirateten die beiden und Freya von Moltke zog auf das Familiengut Kreisau in Niederschlesien. Dennoch schloss sie ihr Jurastudium 1935 in Berlin mit der Promotion ab. Da ihr Mann beruflich in Berlin tätig war und ihre Schwiegermutter Dorothy von Moltke früh verstarb, leitete sie die Bewirtschaftung des großen Kreisauer Gutes. Unter ihrer Leitung wurde das Gut Zufluchtspunkt für ausgebombte und verfolgte Freunde. Ihr Sohn Helmuth Caspar wurde 1937, Konrad 1941 auf Kreisau geboren. Am 18. Januar 1944 wird Helmuth von Moltke von der Gestapo verhaftet und kommt ins KZ Ravensbrück, wo ihn seine Frau zunächst noch besuchen kann. Moltke konnte ein Beteiligung am Attentat gegen Hitler vom 20. Juli 1944 zwar nie nachgewiesen werden, dennoch wurde er vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und am 23. Januar 1945 in Berlin-Plötzensee hingerichtet.

Viel Zeit zum Trauern blieb nicht, das Ende des Nationalsozialismus aber auch die Rote Armeee nahen und Freya von Moltke flüchtet mit den zwei Söhnen und den vielen Gutsbewohnern nach Westen. Nach dem Zweiten Weltkrieg ging sie zunächst nach Südafrika, zur Familie ihrer Schwiegermutter, wo sie von 1947 bis 1956 mit ihren beiden Söhne lebte. Als sie zunehmend in inneren Konflikt zum Apartheidregime geriet, kehrte sie nach Deutschland zurück Sie lernte den protestantischen Juristen, Soziologen und Philosophieprofessor Eugen Rosenstock-Huessy kennen und zog 1960 zu ihm nach Norwich, Vermont in den USA um. Auch nach Rosenstock-Huessys Tod 1973 blieb sie bis zu ihrem Tode in Norwich.

Sie war und blieb bis zu ihrem Tode eine “Witwe des Widerstands”, auch Freya von  Moltke hat nicht wieder geheiratet, genau wie die Frau des Grafen Peter Yorck von Wartenburg, die Frau des Juristen Adam von Trott zu Solz, die Frau des Diplomaten Hans Bernd von Haeften, Nina Gräfin Schenck von Stauffenberg und die Frau des Gewerkschafters Adolf Reichwein.

Nun hat sich ihr Lebenskreis geschlossen. Freya von Moltke schloss sich am Neujahrstag 2010, als sie 98jährig an einer Virusinfektion in ihrem Heimatort Norwich im US-Bundesstaat Vermont starb.

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Brigitte Jäger-Dabek kennt Polen seit vielen Jahren und ist als freie Journalistin Polen-Expertin. Sie ist Autorin des preisgekrönten Buchs "Länderporträt Polen".