Polen: Die Flüchtlinge und der Islam

Sitz der Islamischen Liga und Zentrum der Islamischen Kultur in Warschau

Sitz der Islamischen Liga und Zentrum der Islamischen Kultur in Warschau,

Die Polen tun sich nach wie vor schwer mit der Akzeptanz von Flüchtlingen generell und der von Muslimen im Besonderen. Immer wieder gibt es Demonstrationen, immer wieder hört man das Argument, in Polen könne man Flüchtlinge nicht integrieren, wenn sie keine Christen wären. Diese Formulierung entspricht genau dem, was drei Viertel der Polen wollen, wenn man den Meinungsumfragen glauben darf. Damit wäre dann auch künftig das Gros aller afrikanischen und asiatischen Flüchtlinge genauso ausgeschlossen, wie Juden.

Polens Politiker und die Flüchtlingsfrage

Polen akzeptierte im Juli die Aufnahme von 2.000 Flüchtlingen. Inzwischen ist diese Regelung von der Entwicklung überrollt worden. Der Präsident der Europäischen Kommission Jean-Claude Juncker appellierte daher an die Staatengemeinschaft, doch zu einer einverständlichen Verteilung von 160.000 weiteren Flüchtlingen als einem Akt von Solidarität zu finden.

Derzeit schieben sich die polnischen Spitzenpolitiker die Bälle der Anschuldigungen hin und her. So habe die nationalkatholische Oppositionspartei „Recht und Gerechtigkeit“ (PiS) in der Flüchtlingskrise ihr wahres antieuropäisches Gesicht der Xenophobie gezeigt und Oppositionsführer Kaczynski wolle politisches Kapital aus der Flüchtlingskrise schlagen und sei immer auf der Suche nach neuen Feindbildern, erklärte Ministerpräsidentin Ewa Kopacz am letzten Mittwoch bei ihrer Parlamentsrede. Kaczynski hatte zuvor eine ernsthafte Bedrohung dahin gesehen, dass etwa ins Land kommenden Ausländer polnisches Recht und polnische Sitten und Gebräuche nicht akzeptieren würden.

Außenminister Grzegorz Schetyna hatte am Donnerstag Radio Polska gegenüber erklärt, er könne die Frage nicht beantworten, wie viele Flüchtlinge nach Polen kommen würden, nachdem der neue Verteilungsvorschlag der EU Kommission bekannt wurde. Demnach sollte Polen 9.200 Flüchtlinge zusätzlich zu den 2.000 bereits im Juli Zugesicherten aufnehmen. Der stellvertretende Außenminister Traskowski verkündete in Krakau Reportern gegenüber, Polen stelle in diesem Zusammenhang drei Bedingungen:

  • Mehraufnahme von Flüchtlingen nur, wenn die EU alle Außengrenzen absichert
  • Aussortierung von Wirtschaftsflüchtlingen
  • Weiter Aufnahmen nur, wenn Polen bei der Zuteilung ein Mitspracherecht habe und einzelne Flüchtlinge aus Sicherheitsaspekten nach einem Screening ablehnen könne

Derzeit beginnt in Polen die heiße Phase des Parlamentswahlkampfs. Vor dem Wahltermin am 25. Oktober wird sich wohl keine Partei in Polen eine verbindliche Zusage der Aufnahme auch von muslimischen Flüchtlingen leisten wollen, so hartherzig sich die polnische Gesellschaft Flüchtlingen gegenüber zeigt.

Polens Anteil an den Zuständen im Nahen Osten

Man erinnert sich noch an die Schlagzeilen zum Irak-Krieg und der polnischen Beteiligung daran: Riesige Chancen für Polen, amerikanische Rüstungshilfe erwartet, Polens Wirtschaft wird am Wiederaufbau des Iraks beteiligt, so hieß es damals und man sah sich als treuester Partner der USA. Auch wenn man das in Polen heute weit von sich schiebt – man hat durchaus einen Anteil den Zuständen im Nordirak und Syrien. Schließlich war Polen nach den USA und den Briten die drittwichtigste Besatzungsmacht im Irak. Dieser Komplex aber muss zusammen betrachtet werden.

Der Irakfeldzug 2003 mag damals unter Beteiligung polnischer Truppen militärisch gewonnen worden sein. Doch war das – und jeder Kundige konnte das vor dem Feldzug absehen – ein Pyrrhussieg. Bis heute sind in der Folge dieses Krieges mindestens 100.000 irakische Zivilisten gestorben. Das führte zu etwa 2 Millionen Binnen- und ebenfalls etwa 2 Millionen Außenflüchtlinge. Kriegsverbrechen kamen während des Kriegs und der Besatzungszeit auf allen Seiten vor. Eine Wissenschaftlerkommission bezifferte die Zahl der direkt oder indirekt durch Kriegshandlungen zwischen 2003 und 2011 getöteten Iraker gar auf 405.000.

Es gab keine Vorstellung davon was passiert, wenn man ein Machtvakuum im Zentrum einer Region schafft, die einem hochbrisanten Pulverfass gleicht und dieses Machtvakuum dann nicht füllen kann. Als die Besatzer gar nicht mehr weiter wussten, überließen sie den Irak sich selbst und den verschiedensten Einflüssen. Einer der größten Fehler war, dass man eine Figur wie Al Maliki schalten und walten ließ. Als Schiit schuf er keinen friedlichen Ausgleich zwischen der schiitischen Mehrheitsbevölkerung und den Sunniten, Terror herrschte, der iranische Einfluss stärkte die Schiiten. Der IS vor allem hatte ein Zukunftsangebot für die Sunniten, Waffen und viel Geld. Auch die irakischen Kurden wurden nicht in irakische Zukunftsperspektiven mit eingezogen. Der IS marschierte und wurde Partei im syrischen Bürgerkrieg. Insoweit sind alle beteiligten Mächte dieser damaligen vermeintlichen „Koalition der Willigen“ durchaus mitverantwortlich, verdrängen das aber gern. Das sieht auch das Politikmagazin Polytika so.

Polnische Migrantenströme

Das Erstaunliche ist, dass Polen derzeit das Land ist, aus dem innerhalb Europas die größten Auswanderungsströme der letzten Jahre kamen, rund 2 Millionen Polen sind derzeit Wirtschaftsmigranten und ein Ende der Auswanderungsströme ist nicht erkennbar. Davon aber ist in Polen gar keine Rede. In Großbritannien sind Polen die nach den Indern zweitgrößte Migrantengruppe. Der höchste Stand eingewanderter Polen in Großbritannien belief sich geschätzt zwischen 800.000 und 1,2 Millionen, derzeit dürften es etwa 600.000 Polen sein. Die Briten sind zwar mit der polnischen Zuwanderung nicht immer glücklich, doch sind dort bisher keine Meinungen laut geworden, die einen Einwanderungsstopp allein aus dem Grund verlangen, dass man Katholiken in eine anglikanische Umwelt etwa nicht integrieren könne.

Die Wahrnehmung von Migranten, Asylbewerbern und Wirtschaftsflüchtlingen erscheint in Polen derzeit merkwürdig verbogen und verdrängt die Tatsachen. Polen selbst war und ist noch immer selbst ein Auswandererland. In der Vergangenheit, vor allem in den Zeiten der staatlichen Nichtexistenz nach den polnischen Teilungen, nach den Aufständen und bis hin zur Zeit des Kriegsrechts waren Polen in halb Europa als Migranten aufgenommen worden, vor allem in Frankreich und Großbritannien.

In den 1980-er Jahren kamen viele Menschen aus Polen nach Deutschland und baten um Asyl. Wer seine Verfolgung als Solidarnosc-Aktivist nachweisen konnte, erhielt Asyl, wer kein Asyl erhielt, war geduldet und durfte bleiben. Nach Polen wurde niemand zurückgeschickt. Viele dieser Flüchtlinge sind bis heute geblieben, haben unsere Gesellschaft bereichert, viele haben als Unternehmer Arbeitsplätze geschaffen. Persönliche Anmerkung: Ich weiß, wovon ich hier rede, denn mein Mann war einer von ihnen. Heute leben allein in Berlin rund 80.000 Menschen mit polnischen Wurzeln, die dort teils schon in zweiter Generation leben.

In der tatarischen Moschee Bohoniki, Foto: Yarl, CC-BY-SA-3.0

In der tatarischen Moschee Bohoniki,

Polen und der Islam

Der Islam ist in Polen zwar weder fremd noch inkompatibel mit polnischen Werten und Lebenswelten und das seit Jahrhunderten. Es gibt im Nordosten Polens im Dreiländereck Polen, Litauen und Weißrussland in der Woiwodschaft Podlachien seit Jahrhunderten die kleine Minderheit der muslimischen Lipka-Tataren. Präsident Duda war dort am Donnerstag, den 10. September zu Gast. Der Mufti der Muslimischen Gemeinde Tomasz Miskiewicz schrieb ihm ins Stammbuch, Polen solle einmal auf seine Region schauen, denn sie sei beispielhaft. Dort würden Katholiken, Orthodoxe und Muslime friedlich als Nachbarn zusammenleben. Das sei eine wunderbare Koexistenz, die seit Jahrhunderten funktioniere, erklärte der Mufti . Über die Flüchtlinge sagte der Mufti, sie hätten ihr Heimatland verlassen, weil sie und ihre Familien tagtäglich vom Tod bedroht gewesen sein. Die tatarische Gemeinschaft solle als Beispiel dienen und er wolle, dass alle nach Polen kommenden Flüchtlinge wie einst die Tataren sich in Polen heimisch fühlen werden, und genauso die innere Überzeugung finden werden, ihrem neuen Land und dessen Gesellschaft nützlich zu sein zu wollen. Es ist merkwürdig, dass man sich dieser friedlichen Gemeinschaft als „Polnischem Orient“ nur dann gern dann erinnert, wenn man die exotische Idylle Touristen zeigen kann.

Insgesamt gibt es in ganz Polen einschließlich der 5.000 Tataren derzeit etwa 25.000 Muslime, viele von ihn kamen aus der Kaukasusregion und waren Tschetschenen, andere stammen aus Asien und Nordafrika. Zu dieser Zahl zählen auch muslimische Studenten. Sie leben überwiegend im Raum Warschau (ca. 12.000).

Die Meinung der polnischen katholischen Kirche

Erstmals seit langer Zeit sinddie katholische Kirche und das nationalkatholische Oppositionsspektrum in Polen nicht einer Meinung. Polens katholische Kirche mahnt bei ihren Schäfchen die Rückbesinnung auf die wichtigsten Grundlagen des christlichen Wertekanons an, vor allen auf die grundlegenden Werte einer jeden christlichen Kirche: Barmherzigkeit und Nächstenliebe.

Der Vorsitzende des Rates für Migration, Tourismus und Wallfahrt der Polnischen Bischofskonferenz (KEP), Weihbischof Krzysztof Zadarko erklärte gegenüber der katholischen Nachrichtenagentur KAI, Polen könne ohne Weiteres mindestens 30.000 Flüchtlinge aufnehmen. Die katholische Kirche habe bereits ihre Hilfe bei der Aufnahme angeboten, fügte der Weihbischogf an. Es gäbe 30.000 Pfarreien in Polen erklärte Zadarko, die alle Flüchtlinge aufnehmen könnten. Die Angst vor Muslimen sei völlig unbegründet. Schließlich seien 1997 während des Tschetschenienkriegs über 110.000 Tschtschenen nach Polen geflohen, nur 10.000 von ihnen befänden sich heute noch in Polen. Nach Meinung der katholischen Kirche dürfte Flüchtlingshilfe unter keinen Umständen nach Rasse und Religion unterschiedlich gewährt werden, betonte Weihbischof Zadarko..

„Selig die Barmherzigen, denn sie werden Erbarmen finden“, ein Bibelwort aus Matthäus5/7 ist übrigens das Motto des Weltjugendtags 2016, der in Krakau stattfindet.

Über Brigitte Jaeger-Dabek 1465 Artikel
Brigitte Jäger-Dabek kennt Polen seit vielen Jahren und ist als freie Journalistin Polen-Expertin. Sie ist Autorin des preisgekrönten Buchs "Länderporträt Polen".