Polen: Neue Radwege entstehen entlang der Weichsel und in Ostpolen

Radfahren in Polen, Foto: POT   RadPot.jpg 

Polen entdeckt den Radtourismus. Im gesamten Land entstehen neue Trassen. Zu den ambitioniertesten Projekten gehört der neue Weichselradweg, der von der Quelle bis zur Mündung des größten polnischen Flusses führen soll. Teile davon sind bereits fertiggestellt. Bis Ende 2015 soll zudem ein fast 2.000 Kilometer langer Radwanderweg entstehen, der durch fünf ostpolnische Woiwodschaften führen wird.

Der Weichselradweg – Von der Quelle bis zur Mündung

Auf rund 1.300 Kilometern soll der Weichselradweg (Wislana Trasa Rowerowa) von der Quelle der Wisla (Weichsel) beim gleichnamigen Ferienort Wisla in den Schlesischen Beskiden bis zur Mündung des Flusses bei Gdansk (Danzig) führen. Vorbild sind Flussradwege in vielen anderen Regionen Europas, die sich eines starken Interesses der Radtouristen erfreuen.

Mit dieser Idee war sogar eine kleine Revolution verbunden. Bislang war das Befahren von Wasserschutzdämmen in Polen streng verboten. Erst vor wenigen Wochen setzte Präsident Komorowski vor Hunderten Fahrradbegeisterten seine Unterschrift unter eine Gesetzesnovelle, die es künftig ermöglicht, die Hochwasserschutzanlagen für den Radverkehr zu nutzen. In den nächsten Jahren sollen entlang der Weichsel nun moderne Asphaltstrecken entstehen, die ein ungestörtes und komfortables Fahrvergnügen ermöglichen. Zum Teil sollen die Dämme für Radwege genutzt werden.

In der zentralpolnischen Woiwodschaft Kujawsko-Pomorskie (Kujawien-Pommern) wurde bereits Anfang Mai 2014 ein erster Abschnitt des Weichsel-Radwanderweges eröffnet. Er verläuft hauptsächlich über asphaltierte Straßen mit geringem Verkehrsaufkommen sowie über Feld- und Waldwege beiderseits des Stromes. Auf der gut 200 Kilometer langen Strecke im Weichseltal liegen so wichtige Kulturstätten, wie die zum UNESCO-Welterbe gehörende Altstadt von Torun (Thorn), das mittelalterliche Chelmno (Kulm) und der Wasserknoten Bydgoszcz (Bromberg). Die Route führt durch wertvolle Natura2000-Schutzgebiete und Landschaftsparks.

Mehr als 2.000 gelbe Schilder mit dem stilisierten Radsymbol des Weichselradwegs weisen Aktivtouristen den Weg. 50 braune Schilder führen zu besonderen Sehenswürdigkeiten und Aussichtspunkten. Insgesamt 16 Raststellen wurden für Radreisende entlang der Strecke eingerichtet. Eine genaue Routenführung, auch in deutscher Sprache, ist mit der Anwendung für mobile Geräte möglich, die über die Homepage des Projektes heruntergeladen werden kann. Sie enthält zusätzliche Informationen zur Idee des Radwanderweges, zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten entlang der Strecke sowie zu attraktiven Nebenstrecken für Radtouristen.

Federführend bei der Entwicklung des Weichselradwegs ist die Woiwodschaft Slaskie (Schlesien), die das Projekt vor neun Jahren auf Betreiben der ehemaligen Europaabgeordneten Grazyna Staniszewska ins Leben rief. Der dortige Abschnitt wurde bereits vom Beskiden-Radclub umgesetzt. Er führt vom regionalen Zentrum Bielsko-Biala (Bielitz-Biala) nach Jawiszowice in der Nachbar-Woiwodschaft Malopolskie (Kleinpolen). Der kleinpolnische Abschnitt ist in Teilen bereits fertiggestellt. Für rund 13 Millionen Euro sollen dort bis 2018 neue asphaltierte Radwege, Brückenbauwerke und Raststellen entstehen. 75 Prozent der dann 200 Kilometer langen Trasse sollen dabei auf Hochwasserdämmen verlaufen.

Entlang der Weichsel, die Polens Berge im Süden mit der Ostsee verbindet und durch einige der schönsten Städte des Landes führt, gibt es bereits weitere kleinere Radwege. So führt eine reizvolle Route auf 13 Kilometern Länge durch Kraków (Krakau) und zum Kloster von Tyniec. In Warschau soll noch im Juni ein 13 Kilometer langer Abschnitt des Weichselradwegs fertiggestellt werden. Er fügt sich ein in ein rund 380 Kilometer langes Netz von Radwegen in Polens Hauptstadt. Stellenweise erreicht der Weg eine Breite von 10 Metern und ist mit neuen Fußgängerwegen kombiniert. Die Fertigstellung des gesamten Weichsel-Radwegs, der durch insgesamt acht polnische Woiwodschaften führt, ist bis zum Jahr 2020 vorgesehen und wird mit Mitteln der Europäischen Union gefördert.

Das Projekt Green Velo

Ähnlich anspruchsvoll ist das Projekt des Green Velo, eines Radwegs, der auf fast 2.000 Kilometern Länge durch fünf ostpolnische Woiwodschaften führen und bereits Ende 2015 fertiggestellt sein soll. Die Strecke beginnt bei Sielpia in der Woiwodschaft Swietokrzyskie (Heiligkreuz) und führt über Podkarpackie (Karpatenvorland), Lubelskie (Lubliner Land), und Podlaskie (Podlachien) bis zum Frischen Haff in der Woiwodschaft Warminsko-Mazurskie (Ermland-Masuren). Symbol der Strecke ist der aus den bunten Segmenten einer stilisierten Fahrradkette zusammengesetzte Buchstabe W.

Green Velo will seinem Namen alle Ehre machen. So führen große Streckenabschnitte durch nahezu unberührte Naturlandschaften. Auf ihrem Weg von der Heiligkreuz-Woiwodschaft bis zur Küste in Ermland-Masuren passiert die Trasse fünf National- und 15 Landschaftsparks sowie 62 weitere Tier- und Naturschutzgebiete. Waldgebiete machen insgesamt rund ein Drittel der Gesamtlänge des Radwanderweges aus, neun Prozent verlaufen durch Flusstäler und drei Prozent auf Wasserschutzdämmen und ehemaligen Bahnstrecken.

Der ostpolnische Radwanderweg bietet aber auch eine Reise durch Geschichte und Gegenwart dieser multiethnischen und -religiösen Grenzregion zur Ukraine, zu Belarus, Litauen und dem Kaliningrader Gebiet. Entlang der Strecke liegen so wichtige touristische Orte wie die Renaissanceperlen Sandomierz und Zamosc, das multiethnische Bialystok oder die Kopernikusstadt Frombork (Frauenburg). Auch so prachtvolle Adelsresidenzen wie Krasiczyn und Lancut oder die zum UNESCO-Welterbe gehörenden orthodoxen Holzkirchen der Karpatenregion lohnen einen kurzen Abstecher.

Neben der Auszeichnung der Trasse mit Wegweisern und dem Neubau von Radwegen werden über 130 Kreuzungen und über 80 Brückenbauwerke umgebaut, um Radtouristen sicheres und komfortables Fahren zu ermöglichen. Darüber hinaus entstehen über 220 Rastplätze. Alle 15 bis 30 Kilometer soll ein Platz mit Zugang zu sanitären Anlagen, Gastronomie und Fahrradserviceeinrichtungen vorhanden sein, alle 50 Kilometer ein Rastplatz mit Übernachtungsmöglichkeiten und mindestens alle 150 Kilometer ein integrierter Rastplatz mit Umsteigemöglichkeiten zu anderen Verkehrsmitteln.

Auch in anderen Regionen Polens entstehen neue Radwege. So sollen rund um die niederschlesische Hauptstadt Wroclaw ab kommendem Jahr über 130 Kilometer neue Radwanderwege entstehen. Dazu sollen Landstraßen um einen Radweg erweitert werden, neue Pisten auf ehemaligen Bahndämmen gebaut und bestehende Wege aufgerüstet werden. Bis zur Sommersaison 2016 wird beispielsweise eine neue „Fahrradautobahn“ bis zu den rund 80 Kilometer nördlich von Wroclaw gelegenen Militscher Teichen (Stawy Milickie) entstehen. Diese Strecke soll weitestgehend fernab vom Autoverkehr verlaufen, um ein entspanntes und naturnahes Raderlebnis zu ermöglichen.

Informationen über den Abschnitt des Weichselradwegs in der Woiwodschaft Kujawsko-Pomorskie unter www.wtr.kujawsko-pomorskie.pl und über das Projekt Green Velo in den östlichen Regionen Polens unter www.greenvelo.pl

 

Über Brigitte Jaeger-Dabek 1450 Artikel
Brigitte Jäger-Dabek kennt Polen seit vielen Jahren und ist als freie Journalistin Polen-Expertin. Sie ist Autorin des preisgekrönten Buchs "Länderporträt Polen".