Polen und der Mauerfall

Die Deutschen feierten am 9. November den 20. Jahrestag des Mauerfalls und Polen feierte mit. Die polnische Delegation zu den Feierlichkeiten bestand aus Regierungschef Donald Tusk, EU-Parlamentspräsident Jerzy Buzek und Ex-Präsident Lech Walesa.

Die polnischen Medien berichteten durchwegs positiv von den Feiern zum 9. November. Selbst die Rzeczpospolita lobte, Bundeskanzlerin Merkel habe die Rolle der Solidarnosc-Bewegung unterstrichen und betont, es sei Solidarnosc gewesen, die dem Mauerfall den Weg geebnet hatte.

Die polnische Tageszeitung Polska schreibt über das deutsch-polnische Verhältnis: Weniger Misstrauen, aber immer noch zu wenig Sympathie.Die Polska gab dem Ereignis breiten Raum und lieferte eine zweiseitige Betrachtung auch der Entwicklung der letzten zwanzig Jahre. Man bilanziert, dass Polen in der deutschen Außenpolitik nun tatsächlich an Bedeutung gewonnen habe. Das Blatt sieht die Rolle des Regierungsberaters und Staatssekretärs Wladsyslaw Bartoszewski kritisch und meint, das polnische Außenministerium, das sich seit Regierungsantritt der Tusk-Regierung etwas aus der Deutschlandpolitik ausgeklinkt habe, solle nun selbst Berlin gegenüber wieder aktiv werden, zumal das deutsche Auswärtige Amt nun von der polenfreundlichen FDP angeführt werde.

Die Gazeta Wyborcza brachte die Worte, die Adam Michnik vor 20 Jahren schrieb: „In Berlin, im Herzen Europas, hat in dem Konflikt zwischen Freiheit und Stacheldraht die Freiheit gewonnen.“ Diese Worte schrieb vor 20 Jahren der ehemalige Oppositionskämpfer Adam Michnik. Michniks Worte zitiert heute der Chefredakteur der Gazeta Wyborcza Jaros?aw Kurski in seinem Kommentar zu den gestrigen Feierlichkeiten in Berlin. Damals am 9. November 1989 habe sich die geltende Weltordnung gewandelt. Das aber sei nicht etwa ausschließlich der russischen Perestrojka, sondern insbesondere den osteuropäischen Widerstandsbewegungen und vor allem der polnischen Solidarnosc-Bewegung zu verdanken. Das vereinigte Deutschland habe dann eine Lehre aus der Geschichte gezogen und die Oder– Neiße– Grenze anerkannt. Die neue große Bundesrepublik sei zum Freund und Fürsprecher von Polens Interessen in Europa geworden.

Der Dziennik sieht bei allem Positiven die Gefahr, dass sich mit der gigantischen Berliner Jubelfeier der Mythos verfestigen würde, der Fall der Berlioner Mauer habe auch das Ende des Kommunismus eingeleitet. Neidlos erkennt man im Dziennik an, man könne in Polen Geschichtspolitik und PR-Arbeit von den Deutschen lernen. Als Polen im Sommer seinen 20. Jahrestag der Freiheit feierte, sei aus der ersten Garde der Politprominenz nur Angela Merkel gekommen. Im Land habe man sich noch darüber gestritten, ob in Danzig oder Krakau gefeiert werden solle, und was man mit den streikenden Danziger Werftarbeitern anfangen solle.

Auch polnische Historiker wie Lukasz Kaminski finden, die Deutschen betrachteten den friedlichen Wandel in ihrem Land zu isoliert, es seien mehrere wissenschaftliche Arbeiten zu diesem Thema erschienen, die Polen überhaupt nicht erwähnen würden. Wenn überhaupt von internationalen Arbeiten die Rede sei, dann von denen aus der Sowjetunion. Im gesellschaftlichen Bewußsein Deutschlands sei das noch weniger angekommen.

Die Geschichte des Mauerfalls war in Berlin symbolisch aufbereitet worden, denn den Mauerfall machten nicht erst die Abstimmung der DDR-Bürger mit den Füßen über Ungarn, die Tschechoslowakei und Polen möglich und auch die Massendemonstrationen in Leipzig, Dresden und anderen Städten wäre ohne diesen ersten in Danzig gefallenen Dominostein nicht möglich gewesen. Ohne die fast zehn Jahre währende Auslösung des polnischen kommunistischen Systems, ohne das Krümelweise zerbröckeln der Allmacht, ohne den Runden Tisch in Polen und den friedlichen Wandel, der Bundeskanzler Kohl den 9. November 1989 in Warschau beim ersten nichtkommunistischen Nachkriegspremier Polens verbringen ließ, schlicht nicht möglich gewesen.

15.000 Schüler aus ganz Deutschland hatten die tausend jeweils gut zweieinhalb Meter hohen bunten Dominosteine aus Styropor bemalt. Sie waren in der deutschen Hauptstadt vom Potsdamer Platz bis zum Reichstag genau dort aufgestellt worden, wo einst die Mauer verlief. Die tragende Rolle beim “Domino-Day” kam Lech Walesa zu, der stellvertretend für die Millionen polnischen Solidarnosc-Aktivisten den ersten dieser Dominosteine zum Fallen brachte.

Dieser Jahrestag sei wichtig und bildlich sehr schön dargestellt meinte Walesa, denn hier falle etwas um. Die Menschen würden solche Bilder mögen. Die Solidarnosc-Revolution und die Vereinbarungen seien nicht so spektakulär gewesen, aber der erste Sieg habe 1980 in der Werft stattgefunden, denn die erste Mauer sei in der Danziger Werft gefallen.

Nicht einmal das miese Novemberwetter konnte die deutsche Super-Party stören und selbst die Politelite ließ sich vom Nieselregen die Freude nicht verderben. Die Berliner Gästeliste las sich wie ein Who is Who der Politik, die Staats- und Regierungschefs der EU waren komplett angereist, dazu kamen US-Außenministerin Hillary Clinton, die einen Video-Gruß des Präsidenten Obama mitbrachte und Russlands Staatspräsident Dmitri Medwedew, weiter reisten zahlreiche Politiker an, die zu jener Zeit eine entscheidende Rolle gespielt hatten, wie Ex-Präsident George Bush oder Miachail Gorbatschow.

Den Slogan des Tages aber lieferte der Ex-Bürgerrechtler Joachim Gauck: “Unser ,Yes we can’ war ,Wir sind das Volk’.”

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Brigitte Jäger-Dabek kennt Polen seit vielen Jahren und ist als freie Journalistin Polen-Expertin. Sie ist Autorin des preisgekrönten Buchs "Länderporträt Polen".