Polen und der Sieg über den Sozialismus

Polen wäre nicht Polen, wenn man nicht bei allem Streit über die Jubelfeiern zum 20. Jahrestag nicht doch noch eine salomonische Lösung gefunden hätte: Donald Tusk und die Staatsgäste feierten in Krakau auf dem Wawel und die Solidarnosc in Danzig mit Staatspräsident Lech Kaczynski.

Ein wenig Angst herrschte in Krakau, dass der polnische Beitrag zum Ende des Eisernen Vorhangs in Vergessenheit gerät und rein optisch sowie in der Medienpräsenz keine Chance gegen die Jubelbilder des Mauerfalls am 9. November hat. Dabei ist es völlig unstrittig, dass die Polen mit ihrer „Solidarnosc“ und einem charismatischen Lech Walesa die Hauptlast des europäischen Freiheitskampfes im letzten Jahrzehnt der kommunistischen Herrschaft im östlichen Europa getragen haben. Vor allem die Deutschen, die die Wahlen vom 4. Juni vor zwanzig Jahren und Tadeusz Mazowiecki, den ersten nicht kommunistischen Ministerpräsidenten des damaligen Ostblocks kaum wahrnahmen, waren in atemloser Spannung mit sich selbst beschäftigt. So entspricht der Slogan “Es begann in Danzig” zwar der historischen Wahrheit, doch die Bilder eines in Freudentränen aufgelösten, sich in den Armen liegenden Deutschlands scheinen übermächtig gegen Polens stille Revolution, die am 9. November, als die Deutschen am Anfang standen, längst vollzogen war. Lech Walesa beurteilte kürzlich die ersten halbfreien Wahlen in Polen vor 20 Jahren als “entscheidenden Schritt hin zu Freiheit und Demokratie”.

Damit werden die polnischen Urängste angesprochen, immer wieder von Europa um die verdiente Anerkennung gebracht zu werden, vor allem seit Umfragen in Deutschland ergeben haben, dass die Deutschen auf die Fragen, welche Persönlichkeit den größten Anteil am Mauerfall habe, an Michail Gorbatschow und nicht an Lech Walesa und Papst Johannes Paul II. denken. Die Beiträge der Menschen in den anderen ehemaligen Ostblockländern werden allerdings in Polen selbst oft übersehen.

Inzwischen ist man auf deutscher Regierungsseite in der Lage, auf polnische Empfindlichkeiten besser einzugehen – eine Harmonieoffensive ist angesagt. Eine Ausstellung im Bundestag berichtet über den polnischen Freiheitskampf, und neben dem Reichstagsgebäude soll dort, wo früher die Mauer stand, ein Stück der Danziger Werftmauer als Bogen zur Freiheit aufgestellt werden.

Angela Merkel dankte Polen bei Ihre Rede auf dem Wawel: “Wir Deutsche sind unseren Freunden in Polen, Ungarn und der damaligen Tschechoslowakei zu tiefstem Dank verpflichtet”. Der Sieg der Solidarnosc über die Kommunisten bei der Parlamentswahl vom 4. Juni 1989 sei entscheidend für den Aufbau der Demokratie in Polen und damit letztlich in ganz Osteuropa gewesen, erklärte Merkel. Dazu nickte die Bundeskanzlerin demonstrativ bei entsprechenden Passagen der Rede von Donald Tusk. Die erste halbfreie Wahl vom 4. Juni 1989 in Polen sei ein Bewies dafür gewesen, “dass die Wörter Freiheit und Solidarität nicht nur naive Ideale sind”, sagte Tusk, der damals selbst Solidarnosc-Anhänger war.

Polens Regierungschef Donald Tusk hatte zu den Feierlichkeiten im Königsschloss Wawel neben Bundeskanzlerin Merkel unter anderen den früheren tschechischen Präsidenten Vaclav Havel und den ehemaligen Solidarnosc-Führer und späteren polnischen Präsidenten Lech Walesa eingeladen, sowie die Regierungschefs von elf ehemaligen Ostblockländern.

In Danzig, dem Geburtsort der Solidarnosc, erinnerte Staatschef Lech Kaczynski auf der Konkurrenzveranstaltung an den “Triumph der Bewegung” und würdigte die “immense Rolle von Papst Johannes Paul II.” für den politischen Wandel. Trotz des Regens hatten sich auf der Danziger Werft tausende Gewerkschafter aus ganz Polen zu einem Gedenkgottesdienst versammelt.

Polens Präsident Lech Kaczynski bedauerte in Danzig, dass die große Jubelfeier nicht in Danzig stattfindet. Er immerhin stehenach wie vor auf der Seite der Solidarnosc und teile die Sorgen und Ängste der Arbeiter, sagte er. Eben weil in der Danziger Werft alles begonnen habe, sei dort der einzige richtige Ort für die Feier und er bedaure die Teilung. Überdies dürfe die Danziger Werft als Denkmal des polnischen Freiheitskampfes niemals geschlossen werden.

Doch es war die Gewerkschaft Solidarnosc selbst, die zur Verlegung der offiziellen Feiern von Danzig nach Krakau Anlass gegeben hatte. Die Gewerkschafter wollten die von der Regierung organisierte Feier, die ursprünglich in Danzig geplant war, mit einer Protestkundgebung stören. Man hatte Barrikadenbau, brennende Reifen und Molotowcocktails angekündigt. Das aber wollte Tusk den Staatsgästen ersparen, was Kaczynski geflissentlich nicht erwähnte.

Um seinem Intimfeind Kaczynski das Terrain in Danzig – der Heimatstadt von Donald Tusk – nicht allein zu überlassen, flog der polnische Regierungschef nach Abschluss der Feiern in Krakau nach Danzig, wo sein Intimfeind, Staatspräsident Lech Kaczynski an der Konkurrenzveranstaltung vor dem Tor der Danziger Werft teilgenommen hatte. Unter dem allgegenwärtigen Motto „Es begann in Polen“ gab es am Abend sollte auf dem Werftgelände ein großes Fest geben mit der Sängerin Kylie Minogue sowie der deutschen Band Scorpions, deren Hit „Winds of Change“ der Song der Wendezeit war.

(c) Brigitte Jäger-Dabek

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Brigitte Jäger-Dabek kennt Polen seit vielen Jahren und ist als freie Journalistin Polen-Expertin. Sie ist Autorin des preisgekrönten Buchs "Länderporträt Polen".