Putins Coup oder Zeitungsente?

Polens Ex-Außenminister Radek Sikorski, Foto: Helene C. Stikkel, gemeinfrei

Eine Kompromittierung des Amts nennt das polnische Boulevardblatt Super Express eine Internet-Veröffentlichung des US-Magazins Politico. Dort las man am Dienstag in einem auf den 19. Oktober datierten Bericht des Journalisten Ben Judah, der russische Präsident Wladimir Putin habe im Jahr 2008 dem damaligen polnischen Premierminster in Moskau eine Teilung der Ukraine zwischen Polen und Russland vorgeschlagen. Wörtlich wird Sikorski dort hiermit zitiert: “What is happening now is the full embrace of neo-imperialism,” Sikorski says. “They have exploited every post-Soviet and neo-Soviet atavism and made it real because an alarming proportion of the population believes it. This is how they have refueled their regime.”Sikorski twitterte durch die Lande, das sei eine Fehlinterpretation eines obendrein nicht authorisierten Interviews gewesen.

„Zawiodla mnie pamiec, nie bylo spotkania Tusk-Putin!“ ruderte Sikorski auf einer eigens anberaumten Pressekonferenz zurück, da habe ihn sein Gedächtnis im Stich gelassen, liest man heute unisono in den polnischen Gazetten von Fakt bis Superexpress, es habe gar kein Treffen zwischen Tusk und Putin in Moskau gegeben und Polen beteilige sich nicht an Annexionen. Auch täte es ihm leid, Ex-Premier Donald Tusk und Ewa Kopacz, die amtierende Premierministerin, in eine solche Lage gebracht zu haben. Zuvor hatte er noch behauptet, er sei nur nicht selbst dabei gewesen. Der Pressesprecher des russischen Präsidenten Dmitri Peskow hielt sein Statement zu dem Politico-Artikel knapp: Alles Stuss.

Das Medienecho schwankt zwischen Verblüffung und Empörung, im polnischen Internet waren sie Kommentare eher sarkastisch und belustigt. Blamage des Jahres wurde die Angelegenheit betitelt. Die Opposition fragt sich, warum Sikorski sein Wissen nicht mit den Organen des eigenen Staates geteilt habe. Konservative Kreise wie Super Express forderten Sikorskis Rücktritt vom gerade erst angetretenen Amt des Sejmmarschalls (Parlamentspräsident) allein schon deshalb, dass sich die neue Premierministerin Kopacz nicht dauernd für ihn entschuldigen müsse. Geschadet hat Radoslaw Sikorski  in erster Linie sich selbst, wie immer die Wahrheit über diese Äußerungen auch aussieht, ob politisches Kalkül, oder partielle Amnesie.

Polens Präsident Komorowski wird von der konservativen Tageszeitung „Rzeczpospolita“ mit der Bemerkung zitiert: „Jest czas aktywnosci politycznej i czas pisania pamietników”, es gibt eine Zeit politischer Aktivität und eine Zeit des Schreibens der Memoiren.

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Brigitte Jäger-Dabek kennt Polen seit vielen Jahren und ist als freie Journalistin Polen-Expertin. Sie ist Autorin des preisgekrönten Buchs "Länderporträt Polen".