Vor 70 Jahren: Gedenktag der Befreiung von Auschwitz

Auschwitz, Völkermord und unbeschreibbares Grauen

Auschwitz, Völkermord und unbeschreibbares Grauen,

Hat dieser Ort des unbeschreibbaren Grauens es verdient, nun auch noch zum Politikum zu werden? Eigentlich sollten die Überlebenden im Vordergrund stehen, es wird der letzte runde Gedenktag sein, bei dem sie noch dabei sein werden. Doch kam es anders, und das ist beschämend für alle Beteiligten.

Polnisch-Russischer Kleinkrieg

Ob es klug war, Putin nicht einzuladen? Er ist nun mal der russische Präsident und es war die Rote Armee, die das Vernichtungslager am 27. Januar 1945 befreite. Darüber kann man zweifellos streiten. Fragwürdigaber ist in jedem Fall das Vorgehen.

Die Kontroverse begann damit, dass der russische Präsident keine persönliche Einladung erhalten hatte, sondern eine diplomatische Note, wie alle anderen 40 ausländischen Regierungen auch. Prompt setzte das Medienrauschen auf russischer wie polnischer Seite ein. Dass hat sonst niemanden gestört, denn kein Politiker wird persönlich eingeladen – so ist es bei den Gedenkfeiern. Immerhin hatte Moskau mit der Ankündigung der Entsendung durch den Chef der russischen Präsidentenkanzlei Sergej Iwanow noch die Kurve bekommen. Insoweit hatte auch Polen noch die Kurve bekommen, indem man relativ dezent-diplomatisch dem Kreml zu verstehen gab, dass Putins Anwesenheit nicht mit Begeisterung begrüßt werden würde.

Doch dann hatten sich zwei auf diplomatischem Parkett völlig Unerfahrene, nämlich die Ministerpräsidentin Ewa Kopacz und ihr Außenminister Grzegorz Schetyna mit ihren forschen Äußerungen hervorgetan. Ewa Kopacz hat den ukrainischen Präsidenten Poroschenko persönlich nach Auschwitz zur Gedenkfeier eingeladen, was in Moskau als Provokation ankam. Noch undiplomatischer zeigte sich Außenminister Schetyna, der sich berufen fühlte, die Einladung zu erläutern. Man solle einmal mal darüber reden, dass es die erste Ukrainische Front der Roten Armee gewesen sei, die Auschwitz befreit habe. Da hätten Ukrainer gekämpft, sie hätten das Tor des Lagers Auschwitz aufgestoßen und Auschwitz befreit, erklärte er. Ob das nun eines Chefdiplomaten würdig ist,, der zu dem noch Historiker ist, sei dahin gestellt. In Polen hagelte es Proteste von Historikern, als Schetyna seine Leute dann noch ins Archiv schickte, um den ukrainischen Juden Anatoli Schapiro als den Panzerfahrer zu verifizieren, der das Lagertor von Auschwitz aufbrach.

Tatsache ist, dass die „1. Ukrainische Front“ ein Großverband der Roten Armee war, der zuvor Woronescher Front hieß. Dort befreite die Front Ende Juni die Stadt Woronesch und wirkte danach entscheidend an der Befreiung der Ost-Ukraine teil. Deshalb erhielt sie am 20. Oktober den Ehrennamen „1. Ukrainische Front“, und nicht etwa, weil in ihr nur Ukrainer kämpften. Wie in der ganzen Roten Armee kämpften auch in der „1. Ukrainische Front“ viele Völker, wie Russen, Ukrainer, Georgier, Tschetschenen und Tataren.

Nun ist auch die polnische Haltung nicht frei von politischen Hintergedanken. Man möchte die EU zu einem härteren Einschreiten in der Ukraine animieren, und wie früher zu Zeiten von Tusk und Sikorski wieder mitverhandeln. Polen möchte in der Ukraine-Krise als direkter Nachbar mit der größten gefühlten Bedrohung eine größere Rolle spielen. Doch sind sich die Polen über ihre Ukrainepolitik keineswegs einig. Die einen wollen spürbarere Sanktionen gegen Russland, die anderen wünschen sich gar militärische Hilfe, während ein dritter Teil das Massaker von Wolhynien nicht vergessen hat und mit der Ukraine nicht viel zu tun haben möchten.

Eine Gedenkfeier für Opfer und Überlebende?

An die Opfer jedenfalls dachte bei diesem Hickhack so gut wie niemand. Unter den Opfern waren übrigens auch etwa 10.000 sowjetische Kriegsgefangene und Gott allein weiß, wie viele Juden aus der Sowjetunion. Einen kühlen Kopf hatte der polnische Staatspräsident Bronislaw Komorowski behalten, als er sich ostentativ bei jedem einzelnen Soldaten der Roten Armee bedankte, der an der Befreiung von Auschwitz einst teilnahm. Schon vorab in einem Interview im Fernsehen hatte er vor einer Politisierung der Auschwitz-Gedenkfeier gewarnt und verlangt, dass bei den Feierlichkeiten ausschließlich die letzten Auschwitz-Überlebenden im Mittelpunkt stehen sollten. Er erinnerte auch daran, dass die meisten Soldaten, die in dieser Region Polens gekämpft hätten und das Lager Auschwitz befreit hätten, Russen gewesen sein.

Holocaust-Gedenken in Deutschland:

Das unbekannte Auschwitz – Nicht einmal die Opfer sind gleich

Jeder, der in diesen Tagen wollte, konnte sich in Deutschland umfassend im Internet, in den Printmedien oder Fernsehen darüber informieren, was Auschwitz war, und das es sich dabei um die Lager Auschwitz I, Auschwitz II (Auschwitz-Birkenau) und Auschwitz-Monowitz handelte. Jeder konnte auch erfahren, wie der Holocaust verlief und auch die schlussendliche Opferbilanz ist hinlänglich bekannt: 6 Millionen ermordeter Juden aus fast ganz Europa, allein gut eine Million von ihnen wurde in Auschwitz ermordet. Weiter mehr als 10.000 Auschwitz-Opfer kamen aus halb Europa, dazu 140.000 Polen, sowie mehr als 10.000 sowjetische Kriegsgefangene.

Dass es auch ein Zigeunerlager Auschwitz gab – genau als Auschwitz- Birkenau Lagerabschnitt B II e bezeichnet – war nur ganz, ganz vereinzelt Thema. Porrajmos (Verschlingen) heißt auf Romanes der Holocaust an den Sinti und Roma. Wenn fast niemand über sie schreibt, will wenigstens ich es tun.

Seit dem Februar 1943 wurden insgesamt rund 23.000 Sinti und Roma aus Deutschland und Österreich ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Dort wurde extra das “Zigeunerlager” in 30 Baracken eingerichtet, die als Pferdeställe erbaut worden waren. Knapp 14.000 der Sinti und Roma wurden systematisch durch Hunger, Seuchen, Krankheiten und Misshandlungen ermordet, knapp 5.000 wurden in den Gaskammern umgebracht. Als im Sommer 1944 noch etwa 4.500 Sinti und Roma in Auschwitz-Birkenau lebten, wurden die noch Arbeitsfähigen nach Ravensbrück und Buchenwald zur Zwangsarbeit verbracht. Im August wurde das “Zigeunerlager” aufgelöst, nachdem die übrig gebliebenen etwa 2.900 Menschen vergast worden waren. Sie wurden alle in einer einzigen Nacht ermordet, in der Nacht vom 2. Zum 3. August 1944.

Von den von den 35.000 bis 40.000 in Akten erfassten Sinti und Roma aus Deutschland und Österreich wurden rund 25.000 durch Erschöpfung, Hunger oder Krankheit ums Leben gebracht. Wie viele Opfer es unter den Sinti und Roma im von Deutschen besetzten Europa insgesamt gab, ist schwer zu belegen, nach neuesten Forschungen dürften es 220.000 bis 500.000 gewesen sein.

Über Brigitte Jaeger-Dabek 1467 Artikel
Brigitte Jäger-Dabek kennt Polen seit vielen Jahren und ist als freie Journalistin Polen-Expertin. Sie ist Autorin des preisgekrönten Buchs "Länderporträt Polen".