Warschau: Höchstes Wohnhaus Europas nimmt Gestalt an

Zlota 44 - Der Libeskind-Tower für Wraschau nähert sich der Vollendung, Foto: Wikimedia Coomons, WistulaDas „Segel“, wie die neueste Attraktion an Warschaus Skyline von den Polen genannt wird, hat Ende November seine stählerne Spitze erhalten und ist nun mit 192 Metern das höchste Wohngebäude Europas.

Der vom New Yorker Stararchitekten Danial Libeskind entworfenen und vom Luxemburger Investor Orco Property Group realisierte Bau wird der Warschauer City eine neues Gesicht geben. Mit seinen charakteristischen Fassadenelementen in der Form eines Segels wird die Dominanz des stalinistischen Kulturpalastes im Stadtgesicht mit seinem Zuckerbäckerstil der Stalinzeit gebrochen.

Der neue Gigant mit den segelartigen Glasfronten steht auf der Bodenplatte des abgerissenen Kaufhauses City Center zwischen dem Holiday Inn und dem Einkaufs- und Entertainment-Center Zloty Tarasy. Der nach der Postadresse auch Zlota 44 genannte Wohnturm wird einen städtebaulichen Kontrapunkt zum Kulturpalast bilden und die Skyline nachhaltig verändern. Zwischen dem 163 m hohen Intercontinental Hotel, dem Rondo 1-B mit 194 Metern Höhe, dem 208 m hohen Warsaw Trade Tower und dem 231 m hohen Kulturpalast wird der Libeskind-Bau sich an der Ecke ul. Emilii Plater und der ul. Zlota einfügen.

Das besondere dieses Baus ist, dass er ausschließlich zu Wohnzwecken genutzt wird und in 52 Etagen 251 Luxusapartments mit einer lichten Wohnraumhöhe von 2,96 m zum Preis von rund 7.000 € pro Quadratmeter bietet.

Doch der spektakuläre Bau des New Yorker Stararchitekten Daniel Libeskind, der polnisch-jüdischer Herkunft ist und in Lodz geboren wurde, ist keinesfalls unumstritten. Der Bau stand erstmals wegen finanzieller Schwierigkeiten der Orco Group im März 2009 vor dam Aus, als die Bauarbeiten eingestellt wurden. Der Bau, der für Libeskind eine Herzensangelegenheit war, wurde vollends zum Albtraumprojekt, als die Bauarbeiten wieder aufgenommen werden sollten und es sich herausstellte, dass die Baugenehmigung inzwischen ihre Gültigkeit verloren hatte.

Als Warschaus Bild einer modernen, weltoffenen Stadt Schaden zu nehmen drohte, mehrte sich die Unterstützung für den Libeskind-Bau. So fürchtet sich auch der zuständige Bezirksbürgermeister Wojciech Bartelski vor dem Imageschaden, wenn als Symbol bliebe, dass ein altes minderwertiges Nachbarhaus über das schöne Neue und das Schlechte über das Bessere siege. Auch wollte man nicht wieder das Bild vom antisemitischen Polen in die Welt getragen sehen.

Libeskind konnte die Stadtpräsidentin Hanna Gronkiewicz-Waltz motivieren, ihre Kontakte spielen zu lassen und so wurde am 7. Oktober 2010 eine gültige Baugenehmigung erwirkt werden. Dazu kam eine sich über Jahre hinziehende Dauerfehde mit sieben Nachbarn, die gleich mehrere Klagen gegen den Bau erwirkten. Nun wird also weiter gebaut, aber der ursprüngliche Zeitplan war nicht mehr zu halten, eine Fertigstellung zumindest der Fassaden zu EM 2012 nicht mehr denkbar.

Der Architekt selbst verlor den Glauben an sein Projekt nie. Warschau sei Europas Zerrissene, im Weltkrieg von den Deutschen zerstört, bis kein Stein mehr auf dem anderen stand, und wurde 1956 originalgetreu nach alten Entwürfen in einer nationalen Kraftanstrengung wieder aufgebaut. Die Sehnsucht nach dem historischen Warschau sei verständlich gewesen, erklärte Libeskind, doch dann sei Stalin gekommen und habe sein Denkmal mit dem Kulturpalast gestzt, der bis heut wie ein Stachel im Herz der Warschauer sei. Das Land müsse sich überlegen, wo es hion will, nach vorn oder zurück. Warschau brauche große Architektur und Leben im Zentrum, sie dürfe nicht länger von diesem Kulturpalast dominiert werden. Mit seinem Bau wolle er große Architektur in Warschaus Zentrum schaffen und zum Wandel der Innenstadt beitragen erklärte Libeskind seine Visionen. Er glaube an Polen und an Warschau und es sei wichtig dazu zu stehen, bekräftigte er.

Libeskinds Bau ist eine Art Vermächtnis an sein Heimatland und dessen Hauptstadt. Eines hat er auf jeden Fall schon geschafft: Die Stadt streitet sich darüber, wie sie ist und wie sie sein will, wie sie aussieht und wie sie aussehen will. Es ist ein Streit zwischen dem Bewahrenden und dem Aufbruch in die Zukunft und so letztlich auch ein Streit zwischen Polen A und B.

Es scheint aber, dass sich Libeskind mit seiner Vision nun durchsetzt, Mitte 2013 könnte der Bau fertig werden.

 

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Über Brigitte Jaeger-Dabek 1446 Artikel
Brigitte Jäger-Dabek kennt Polen seit vielen Jahren und ist als freie Journalistin Polen-Expertin. Sie ist Autorin des preisgekrönten Buchs "Länderporträt Polen".